Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
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40 Kreise der jüdischen Jugend1 ergriffen haben und — ich darf das zu meiner besonderen Freude aussprechen — zumal in den jungen Menschen verbreitet sind, die zu uns kommen, um sich heranzubilden zu Führern ihrer Gemeinschaft. Sie sind sich bewußt, daß wir Juden der Kultur nicht dienen durch gehässigen Abschluß, noch viel weniger aber durch feige und sklavenhafte Anpassung; wenn wir der Vergangenheit die Treue wahren, so geschieht es nicht nur aus unlöslicher, die letzte Lebenstiefe erfassenderVerwurzelung, nicht nur aus demBewußtsein der Pflicht gegen das Erbe der Ahnen, sondern zugleich in dem Bewußtsein, aus unserem Erbe die Kultur zu bereichern, insbesondere zur Lösung der schweren religiösen Krise der Gegenwart unsern Beitrag zu leisten, indem wir den Weg zu Gott suchen und betreten, den die Eigenart unserer Religion uns vorschreibt. Und wenn eine durchaus im jüdischen Erlebnis wurzelnde Frömmigkeit wie diejenige Martin Bubers auch Nichtjuden religiös erwecken konnte, — wenn Rudolf Otto die Anregung zu wichtigen Ideen seines grundlegenden Werks im Versöhnungstagsgottesdienst einer schlichten Synagoge fand2, so dürfen wir sagen, daß dieser Glaube nicht ,.ruchloser Optimismus“ noch sträfliche Ueberheblichkeit ist, sondern daß das Judentum, so gewiß und so gern es von der Umwelt lernt, ihr eben durch die ״kräftige Selbständigkeit“ in Frankels Sinne wahrhaft wertvolle Dienste leisten kann. Kann aber diesem Willen zu jüdischer Selbsterhaltung die Wissenschaft dienen? Gewiß kann strenge Wissenschaft ihre tätige Pflege nur durch einen kleinen Kreis von Gelehrten finden^ deren Auge methodisch geschult ist, deren Blick über das eigene Arbeitsgebiet weit genug hinausreicht, um es einstellen zu können in das Gesamtbild der Kultur; und gewiß kann sie dem neuzeitlichen Juden die Auseinandersetzung mit ungläubigen und andersgläubigen Anschauungen, der die Talmudschule aus dem Wege ging, zwar erleichtern, 1 Und nicht nur der Jugend. Die Loslösung der jüdischen Predigt von christlichen Vorbildern, denen manchmal auch orthodoxe Rabbiner fast sklavisch folgten, die Schätzung des Traditionellen im Synagogengesang, die gelegentlich auch von nicht ״gesetzestreuer“ Seite befürwortete Rückkehr zur Einführung des Almemor sind Anzeichen eines — trotz mancher Hindernisse und Rückschläge — sich durchsetzenden Gefühls für die Eigenart jüdischen Lebens und der Freude an seiner Erhaltung. Die Hauptschwierigkeit für ihre Durchsetzung bilden freilich die wirtschalfliehen Verhältnisse, die sich der Durchführung der Festheiligung entgegenstellen. Aber die allem Anschein nach auch in gleichgültigen Kreisen zunehmenden Freitagabend-, Sukka- und Chanukkafeiern zeigen jedenfalls den Willen zum geschichtlichen Judentum. 2 Nach einer Mitteilung meines verstorbenen Freundes Professor Julius Goldstein in Darmstadt.