Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
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39 und freiesten Denkers des 19. Jahrhunderts: ״Mancher verlor die Hälfte seines Wertes, da er seine Dienstbarkeit verlor1", es gilt uns in sehr weitem Umfange, wenn man unter Dienstbarkeit die Verbundenheit mit den nächsten Lebenskreisen und Lebensgemeinschaften versteht. Nimmt man hinzu, daß unsere Kultur heute duldsamer geworden ist gegen verschiedene Lebensarten, Lebensformen und Kulturweisen2, so versteht man, daß gerade derjenige Denker, der diese Lebensformen eingehend philosophisch entwickelt hat, daß Eduard Spranger für das Recht und die Pflicht des heutigen Judentums, sich auf seine Eigenart zu besinnen, sehr bedeutsame Worte gefunden hat. In einer Versammlung deutsch ־ jüdischer Jugend zeigte er3, wie die Jugend im 20. Jahrhundert begonnen habe, ״die geistige und seelische Vertiefung, die im 19. Jahrhundert verloren gegangen ist, wieder zu suchen. Man beginnt wieder das Metaphysische zu spüren. Jede Gruppe, die eine tiefere Weltanschauung entwickeln will, muß auf die Tradition zurückgehen. Wenn jeder in Wirklichkeit die Tradition, zu der er gehört, in ihren Tiefen auch ausschöpft, wird damit dem Frieden unter den verschiedenen weltanschaulichen Gruppen sehr gedient sein. Für die jüdische Jugend besteht daher keine andere Aufgabe, als ihre Verwurzelung im Judentum so stark wie möglich zu machen. Das schließt die Teilnahme an der allgemeinen Entwicklung nicht aus. ״Im Gegenteil: nur wer etwas Eigenes zu geben hat, kann in der Welt wirken". In diesen Worten eines Nichtjuden sind Gedanken ausgesprochen, die trotz aller religiösen Verfallserscheinungen weite 1 Das Wort Nietzsches — wenn ich mich recht entsinne, aus der ״Morgenröte“ — ist natürlich parodoxe Umkehrung von Odyssee 17, 322 f.: 7jjnau קזסץ x* apexyjc; Gncoaivuxai supuoTca Zsuc; avspoc, süt’ av |uv xaxa BoaXtov r^ap iXrjaiv. 2 Ich kann hier einen Gedanken nur andeuten, der eingehender Ausführung ebenso fähig wie bedürftig scheint. Die Buber-Rosenzweigsche Uebersetzung mit ihrem viel stärkeren Anschluß an das Eigenartige, ja Fremdartige der Urschrift erscheint geradezu als Symbol einer Einbegreifung des Fremden — durch Erweiterung des eigenen Kulturraumes. Denn jede Einbegreifung von Andersartigem kann als eine Uebersetzung ohne Worte (manchmal auch mit Worten: man denke an Cohens Umdeutung der Begriffe Schöpfung, Messianismus und dergl.) verstanden werden. Aber diese neue Auffassung des Einbegreifens zeigt sich nicht nur bei jüdischem: Schaffers neue Homerübersetzung, die gleichfalls bei Lambert Schneider erscheint, beruht auf den gleichen Grundsätzen. 3 CV-Zeitung vom 12. Juli 1929.