Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 37)
- Language
- German
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38 In jenem Aufsatz, in welchem Frankel zur Gründung eines jüdisch-theologischen Seminars auf rief, klagte er über den Mangel an Selbständigkeit und an jüdischem Selbstbewußtsein in einem großen Teil seiner Glaubensgemeinschaft1. Diese Mängel waren aber zu wesentlichem Teil bestimmt durch das besondere Erlebnis der Zeit. Urplötzlich war in das Ghetto die neue ästhetisch-wissenschaftliche Kultur eingeflutet. Die religiösen Leiter hatten nicht die Mittel, sie hatten vielleicht gar nicht den Willen, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Wehrlos stand das alte Judentum dem neuen Lichte gegenüber. War es ein Wunder, wenn manche, vor die Wahl zwischen der neuen Kunst und Wissenschaft und dem schlichten Väterglauben gestellt, nach schmerzlichem Ringen der Kultur Kants und Goethes den Vorzug gaben, — wenn andere, ohne das Alte oder das Neue in seiner Tiefe erfassen zu können, geblendet vom neuen Glanze für eitlen Flitterschein die echte Perle ihres Wertes hinwarfen? Und war es nicht weiterhin begreiflich, wenn in die Herzen der Treugebliebenen die Besorgnis sich einschlich, die Emanzipation, die Befreiung von den Fesseln alten Unrechts, zu gefährden durch Aufrechterhaltung desjenigen, was dem Nichtjuden andersartig und daher leicht anstößig erscheinen konnte? Nun, in dieser wie in jener Richtung hat sich inzwischen sehr vieles geändert. In den 75 Jahren, die uns von Frankel trennen, hat der deutsche Jude eine Kulturtradition gewonnen. Er braucht den Weg zur allgemeinen Gesittung nicht mehr zu erkaufen durch einen schmerzlichen Riß, durch eine Lostrennung vom Vaterhaus und von den Führern seiner religiösen Gemeinschaft. Gerade weil die Kultur der Umwelt ihn nicht mehr lockt mit der heimlichen Süße der verbotenen Frucht, weil sie ihm nicht mehr noch weniger Reize bietet als dem nicht jüdischen Kameraden auch, zerstört ihre Aneignung nicht mehr das natürliche Verhältnis zu den Eigenwerten seiner Gemeinschaft. Je mehr sich aber der Jude des geschichtlichen Wurzelgrundes seiner Eigenart bewußt wurde und sich durch ein weitausgebautes Vereins-, Vortrags- und Buchwesen ihrer versicherte, desto natürlicher wurde zugleich sein Verhältnis zu denjenigen Kreisen seiner Umwelt, von denen er eine unparteiische Würdigung erwarten konnte. Die Zeiten sind wohl vorbei, da selbst freie, der ״Emanzipation“ geneigte Geister vom Juden den Bruch mit seiner Ueberlieferung forderten als Voraussetzung seiner Zugehörigkeit zur abendländischen Kultur. Die Wendung unseres Denkens zu soziologischer Betrachtungsweise hat uns die Verwurzelung des einzelnen in seinem Heimatgrunde besser erkennen lassen als eine individualistische, den einzelnen isolierende Zeit; und das Wort des kühnsten 1 MGWJ II 9 f.; 17.