Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
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37 Bindung oder blinder Parteinahme für die eigene Gemeinschaft, von der der leidenschaftliche Kritiker weit entfernt war, wohl aber in jener Bedeutung, daß er als Jude Schicksal und Wirken seiner Ahnen nachfühlend begreifen und an solchem Nacherleben die Treue zur jüdischen Gemeinschaft neu entzünden wollte. 75 Jahre sind seitdem verstrichen. Noch deutlicher vielleicht als damals treten die leitenden Ideen Frankels in der heutigen Erscheinung des Seminars hervor; die Gymnasialklassen und die Lehrerabteilung, die ursprünglich dem Seminar beigegeben waren, sind beseitigt; die Zahl der hauptamtlichen Lehrkräfte für die universitätsreifen Hörer ist von zweien — Bemays wirkte anfangs nur in den Gymnasialklassen — zunächst auf drei, dann auf vier, neuerdings auf fünf gestiegen; eine bessere Differenzierung und die Hinzunahme neuer Lehrfächer, dadurch aber eine Erhöhung des wissenschaftlichen Cha> rakters der Anstalt ist erreicht. Andererseits ist durch die Einrichtung einer Synagoge, die von Dozenten und Hörem gemeinsam besucht wird, der Mittelpunkt eines religiösen Gemeinschaftslebens geschaffen worden; und erst auf ihm beruht das persönliche Zusammenleben von Lernenden und Lehrenden, auf diesem aber jenes Gefühl seelischer Verbundenheit des ,,Breslauers“ mit dem ״grauen Hause“, das am heutigen Festtag im Erscheinen so vieler ehemaliger Hörer, von den eben erst entlassenen Jünglingen bis zu den weißhaarigen Führern jüdischer Wissenschaft, seinen wahrhaft ergreifenden Ausdruck gefunden hat. Allein gerade weil das Seminar teils bewußt, teils auch unbewußt gleichsam den Schacht, den Frankel gegraben, immer tiefer getrieben hat, scheint es an der Zeit, uns jetzt, nachdem mehr als zwei Generationen verstrichen sind, der Festigkeit und der Tragfähigkeit der Frankelschen Grundlagen zu versichern. Dürfen wir als Kinder einer völlig veränderten Zeit uns bekennen zu jenem Glauben Frankels an das Recht des Judentums in der Kultur und das Recht der Wissenschaft im Judentum? Bedeutet es nicht einen inneren Widerspruch, wenn wir uns als Glieder der allgemeinen Kulturwelt fühlen und doch in irgendwelchem Sinne an eigentümlich jüdischem Sondersein festhalten wollen? Und liegt nicht eine Verkennung des Sinnes der Wissenschaft darin, wenn wir sie, die nach allgemeingültigen Urteilen streben muß, in den Dienst der Erhaltung einer Sonderart stellen wollen? Niemand wird den Ernst dieser Fragen verkennen, der die Lage des Judentums und der wissenschaftlichen Bewegung der Gegenwart kennt. Und doch, glaube ich, dürfen wir uns zu Frankels Glauben bekennen, vielleicht noch freudiger und bestimmter als die Männer seiner Zeit, eben wegen des Wandels, den Wissenschaft und Leben in unseren Tagen erfahren haben.