Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2720904-2721055--033-2726979- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
35 erschien den Meistern der Talmudschule nicht nur unmittelbar geboten durch die religiöse Ueberlieferung, wie sie sie auffaßten, sondern zugleich als die unerläßliche Voraussetzung für die Erhaltung der Lebenskraft und der Eigenart des Judentums. In äußerstem Gegensatz zu dieser Anschauung vertrat ein kleiner, aber einflußreicher Kreis neuzeitlich gebildeter Männer die Ueberzeugung, daß das Judentum weitgehender ״Reform“ bedürfe und nur durch starke Anpassung an die geistigen Bewegungen der Umwelt Daseinsmöglichkeit und Daseinsrecht innerhalb der neuen Zeit erwerben könne. Als Bildungsanstalten seiner zukünftigen Führer erschienen daher nicht nur die bestehenden Talmudschulen mit ihrem durchaus konservativen Gepräge ungeeignet: auch ein ״für sich bestehendes Seminar würde dem Zwecke nicht genügend entsprechen1“; vielmehr forderte man eine Fakultät an einer Universität, in ״organischer und harmonischer“ Verbindung mit deren anderen Teilen2, in völliger Unabhängigkeit von den erhaltenden Mächten des jüdischen Gemeindelebens, um der jüdischen Gemeinschaft Führer zu geben, die den ״aus gesunder Wurzel in schiefes Wachstum gedrängten3“ Baum des Judentums aufrichten konnten am Spalier der Kultur der Gegenwart4. Beiden Richtungen5 gemeinsam war der Glaube an die Unversöhnlichkeit des Judentums in seiner geschichtlichen Erscheinung mit der Weltkultur. Aber wenn die einen die Wissenschaft ächteten, um das Judentum zu erhalten, die anderen das Judentum umbilden wollten, 1 Abraham Geiger, Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie II 18. 2 Abraham Geiger, Ueber die Errichtung einer jüdisch-theologischen Fakultät 4 (sehr ausführlich). 3 Vgl. Geigers Brief an den Kirchenrat Maier bei Ludwig Geiger, Abraham Geiger, Leben und Lebenswerk 217. 4 Bedenkt man, daß Geiger den tiefen grundsätzlichen Unterschied zwischen den Ideen eines ,,Seminars“ und einer ,,Fakultät“ mit verdienstlicher Schärfe, im Gegensatz zu manchen Mitstrebenden, erkannt und noch bei der Gründung der ״Hochschule für die Wissenschaft des Judentums4‘ auf das Wort Fakultät Gewicht gelegt hat (L. Geiger 220), so erscheint es gänzlich ausgeschlossen, daß Fraenckel, der ein Seminar, womöglich in organischer Verbindung mit der Wilhelmsschule, wollte, an ihn als dessen Leiter dachte. 5 Leopold Zunz’ Antrag auf Schaffung einer Professur für die Wissenschaft des Judentums in der philosophischen Fakultät einer Universität gehört nicht in unseren Zusammenhang. Ob ihm der Gedanke vorschwebte, durch diese einzelne Professur jüdischen Theologen eine Ausbildungsmöglichkeit zu geben (wie die Gegner des Planes allerdings glaubten), ist mindestens zweifelhaft; und wenn dem so war, dann war es ein Versuch mit untauglichen Mitteln. 3