Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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28 Wie wir uns heute zu dieser anscheinend reinen Fortsetzungsarbeit zu stellen haben? Welches Werturteil wir uns über das Endergebnis dieser Arbeit zu bilden haben? M. s. V.! Ich darf wohl nochmals daran erinnern, daß es im Reiche geschichtlichen Schaffens nichts Selbsttätiges gibt, nichts Uhrwerksmäßiges, nichts, was sich so ganz von selbst fortsetzen könnte. An einem geschichtlichen Prozeß muß immer von neuem gearbeitet werden, auch wenn es nur gilt, das Alte vor Rückgang, vor Untergang zu bewahren; auch dann, wenn es nur gilt, heute noch den Aufgaben gerecht zu werden, die das Gestern schon voll und ganz befriedigt hat. Und hier dürfen wir noch einen Schritt weiter gehen. Die Probleme von heute sind niemals ganz dieselben, können auch nicht dieselben sein, wie die Probleme von gestern. Gewiß, die Fragen selbst, die Aufgaben von gestern bestehen auch heute noch. Aber es werden neue Lösungen gewünscht, neue Antworten gefordert. Geschichtliches Schaffen kennt eben keinen Kreislauf, nur ein stetes Vorwärtsschreiten oder ein Erlahmen, ein Aufhören. Und wenn wir der zweiten Periode unseres Seminarlebens den Vorwurf des Erlahmens nicht machen können — und wir können es in der Tat nicht —, so liegt schon darin allein ein nicht zu unterschätzendes Werturteil für die Arbeit, die in diesem Abschnitt geleistet wurde, ein nicht zu unterschätzendes כי טוב, ein Attribut des Guten und Anerkennenswerten, das vielleicht nicht weit hinter dem כי ט1ב zurückbleibt, welches die vorangegangene Zeit gekennzeichnet hat. Aber wir haben doch auch etwas neues zu verzeichnen. Etwas ganz neues: Wehmütiges einerseits, Schmerzliches, tief Bedauerliches, aber auch Erhebendes, Ermutigendes. In den vorangegangenen Zeiten brauchte sich das Seminar um Weltgeschichte nicht viel zu kümmern. Ich meine hier nicht Weltgeschichte als Wissenschaft. Diese wurde gerade hier aufs sorgfältigste gepflegt. Gerade hier wurde das größte und vortrefflichste Geschichtswerk über Juden und Judentum geschrieben. Hingegen machte die lebendige Weltgeschichte, die Geschichte, wie sie sich im Gegenwartsleben der Völker und Länder auswirkt, unserem Seminar nicht viel Sorgen. Das Innenleben der jüdischen Wissenschaft konnte ruhig vor sich gehen, unbekümmert um die Weltpolitik und um ihre verworrenen Gleichgewichtsprobleme. Das gefährliche Kräftespiel von Staaten und Staatenkomplexen störte nun einmal die Lehrstube nicht. Anders, ganz anders wurde es, als dies Gleichgewicht ernstlich in Schwankung geriet und sich schließlich im furchtbarsten aller Kriege entlud. שבת היא מאעוק. Die Weihe und die Stimmung des Sabbat wollen wir keineswegs durch die traurigsten Erinnerungen an Zerstörung