Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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26 Es hat höhere, göttliche Gesetze. Diese Gesetze haben aber das Eigentümliche an sich, daß sie nicht unmittelbar in die Erscheinung treten• Sie nehmen ihren Weg durch den Menschen. Der menschliche Geist, die menschliche Gefühlswelt soll erst von diesen Gesetzen berührt werden, mit diesen Gesetzen eine Bindung eingehen, ehe ein geschiehtliches Schaffen zustande kommt. Darin liegt eben das Geheimnisvolle, das Unberechenbare alles geschichtlichen Schaffens. Menschliches und Uebermenschliches ist hier am Werk; beides ringt um Geltung und Verwirklichung. Und die große Frage ist immer die: wie weit hat es der Mensch verstanden, seinen eigenen Schöpfungsdrang, seinen eigenen Willen in Einklang zu bringen mit dem Willen und mit dem Schöpfungsplan des Allerhöchsten? Denn nur in diesem Falle kann ein Schaffen Zustandekommen, das auch den Zielen des Menschen entspricht; nur in diesem Falle hat der Mensch tätigen Anteil an der geschichtlichen Gestaltung seiner eigenen Schicksalswege. Wer nach Wahrheit richtet, wer nicht fehlgeht im Erfassen des wirklich Wahren, ist gleichsam Gottes Gefährte im Schaffen, er ist Mitschöpfer, lautet ein talmudischer Spruch (Sabb. 10a). Diese Doppelnatur des geschichtlichen Schaffens, das Menschliche und Uebermenschliche, das an der Gestaltung der Zeiten arbeitet, läßt es notwendig erscheinen, daß man auf der Bahn geschichtlichen Schaffens Meilenzeiger anbringt, daß man am dahinfließenden Gang der Zeiten Jobeimäßige Einschnitte macht und sich fragt: Wie steht es mit dem zurückgelegten Weg? Entspricht das Geschaffene dem, was man schaffen wollte oder sollte? Kann man von dem, was erreicht wurde, was zustande gekommen ist, das aussagen, was unsere Schrift von den einzelnen Schöpfungstagen berichtet: ,,und Gott sah, daß es gut ist“? Diese Fragestellung und die ehrliche Beantwortung der Frage ist Sinn und Zweck jeder Jubelfeier, ganz besonders aber der Feier des jüdisch-theologischen Seminars. Die Bedeutung dieses Hauses ist eine geschichtliche im weitesten Sinne des Wortes, kann rein örtlich nicht erfaßt und nicht begriffen werden. Hier vollzog sich eine fürs ganze Judentum wichtige, vielleicht wichtigste Synthese, die durchdringende Aneinanderfügung von Thora und Chochma, von Gotteslehre und Weltwissen, von Religion und Kultur, von unseren innigsten und tiefsten Seelenbeziehungen zu Gott und zur Welt. Dies Problem duldet keine engen Grenzen. Es ist schon seiner inneren Natur nach etwas, was sich dem ganzen Judentum mit unausweichlicher, geschichtlicher Notwendigkeit immer mehr, immer gebietender, zwingender aufdrängt. Bei Abschluß der ersten Jobeiperiode unserer Anstalt wurde bereits auch der erste Rückblick gemacht. Und jener Rückblick löste