Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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24 der auch für unsere Weltanschauung von weitgehendster Bedeutung ist. Schöpfung im eigentlichen und engen Sinne des Wortes, d. 11. abgeschlossene, vollendete Schöpfung, ist einzig und allein nur im Reiche der Natur zu finden, nirgends sonst. — Demgegenüber ist all das, was in der Geschichte webt und wirkt, zweifellos ein ungemein vielseitiger, endloser Prozeß des Geschehens und Werdens, ein lebendiger Gestaltungsvorgang, dem wohl niemand die Bedeutung absprechen wird oder absprechen kann; aber es ist und bleibt etwas Schwebendes, etwas, in dessen Eigenart ein Element unruhigen Suchens liegt. Es ist mit einem, Worte ein flüssiges Schaffen, das zu keiner abgeschlossenen Schöpfung erstarren kann; ein Schaffen, das stets einer Fortsetzung harrt, einer Fortsetzung bedarf. Im Reiche der Geschichte gibt es also ein schwebendes Schaffen, aber keine abgeschlossene Schöpfung, kein letztes Wort, dem spätere Zeiten nichts mehr hinzufügen könnten. Schöpfung und Geschichte sind demnach zwei eng benachbarte und doch ganz verschiedene Begriffe. Ersterer bezieht sich auf das Gewordene, Abgeschlossene, letzteres auf das Werdende und Fließende, auf das fortsetzungsmäßige Schaffen. Wenn man das erste Kapitel unseres Wochenabschnittes mit dem Worte Schöpfungs geschichte bezeichnet, so ist das ein sehr ungenauer, unangemessener Ausdruck. Denn was erfahren wir hier von der Geschichte der Schöpfung? Nicht viel. Noch weniger: nichts!...ויהי ערב ויהי בקר יום אחד... ריהי ערב ויהי בקר יום שד. ,,Und es ward Abends und es ward Morgens den ersten Tag. . . Und es ward Abends und es ward Morgens den zweiten Tag . . den dritten Tag“ usw. — Die sechs Schöpfungstage eilen in rascher Folge, fast atemlos an uns vorüber, bis wir endlich zum ersten Ruhepunkt gelangen, zu ויכלו השמים והארץ וכל צבאם. ,,Und es waren vollendet der Himmel und die Erde und all ihre Heerscharen“. In diesen Worten erst scheint recht eigentlich das gesagt zu sein, was das Schöpfungskapitel zum Ausdruck bringen wollte: Die Schöpfung als vollendete, abgeschlossene Tat. Die jüdische Traditionsliteratur spricht nirgends von der Geschichte der Schöpfung. Ueberall heißt es מעשה בראשית die Tat der Schöpfung. Darin liegt gleichsam eine Kennzeichnung der Schöpfung, daß sie uns Menschen als vollendete Tatsache entgegentritt. Schon als der erste Mensch seine Augen auftut, als in ihm das erste Bewußtsein aufdämmert, da hält bereits die Schöpfung bei ... ויכלו השמים והארץ. Der Mensch sieht eine fertige Welt vor sich, so wie er sich sie nicht anders vorstellen kann. Man merkt auf den ersten Blick, daß es für die Schöpfung vom Tage ihrer Vollendung ab uns Menschen gegenüber keine Geschichts-