Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1928 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 121)
- Language
- German
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94 von dem bestimmten geschichtlichen Lebensgrunde gelöst werden können, dem sie in ihrer Verschiedenheit entsprießen, gibt es ein Gottesbewußtsein, das nicht in bestimmten religiösen Erfahrungen eines bestimmten Kulturkreises wurzelte una von diesen Erfahrungen her eine qualitative Eigenart besäße. Die allgemeine Religionsgeschichte hat diese unlösliche Verbundenheit der Religionen mit dem individuellen Seelengrunde, dem sie entstammen, unwiderleglich festgestellt. Und so ist auch Herberts Vemunftreligion nicht ein Produkt reiner Vernunft, sondern die Herauslösung der der europäischen Kultur der Renaissance gemeinsamen sittlichen und religiösen Ueberzeugungen, die den Traditionen der Offenbarungsreligionen gegenüber sich verselbständigen und zu einem relativ allgemeinen Sonderglauben werden. Erst nach der Erschütterung der Glaubensgewißheit innerhalb der christlichen Konfessionen grade durch die erschreckende Wirkung der Glaubenskriege und durch die geistigen Mächte, die im Humanismus ihren Ausdruck finden, konnte das Problem einer Vernunftreligion entstehen. Und diese Vemunftreligion ist soweit entfernt, Vernunf treligion zu sein, daß schon das 17. Jahrhundert, das Jahrhundert Herberts, die Auflösung oder Polemik gegen die Vernunftreligion im Hervortreten einer positivistischen Religionskritik erlebte. Wurzelt aber die Religion nicht in einer abstrakten Vernunft, sondern in den konkreten religiösen Erfahrungen eines bestimmten Kreises, insbesondere in dem individuellen ,,Geist“ der Religions- Stifter, so kann es wohl ein sich Messen der Religionen aneinander hinsichtlich ihrer seelischen Tiefe und Reinheit ihres ethischen Gehaltes geben, nicht aber einen Ersatz der individuellen Religionen durch eine rationale Religion. Grade aus der Incommensurabilität der Religionen folgt, daß weder durch Gewalt noch durch Vernunft eine universale Einheit der Religionen herbeigeführt werden kann. Wohl aber erfolgt eine individuelle Entwicklung der Religionen in der Linie der allgemeinen Kulturentwicklung der Zeit innerhalb eines bestimmten Kulturkreises. Diese individuelle Entwicklung der Religion nun zeigt in der Renaissance ein Zurücktreten des dogmatischen und kultischen Moments vor dem ethischen Gehalt der Religion und damit eine Veränderung der Lebensstimmung und des Lebensgehaltes, der im religiösen Erlebnis seine religiöse Fundierung erhält. Diese Veränderung des religiösen Bewußtseins führt bis zur Entfremdung, j a bis zum Gegensatz zu seinen bisherigen Ausdrucksformen. Nur in starken religiösen Persönlichkeiten