Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1928 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 118)
- Language
- German
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91 Laufe der Zeit infolge von Sorglosigkeit irgend etwas eingedrungen sein, was den Attributen Gottes zuwiderläuft, so muß man dieses Buch entweder verbessern oder den Irrtum den Auslegern zur Last legen. Aber der Gewißheitsgrund der Schrift bleibt doch immer ein subjektiver, persönlicher. Darum muß das Wahrheitskriterium der Allgemeinbegriffe eintreten.206) Erst im Jenseits kommen wir in das wahre Vaterland und erkennen wir, daß die zu Gott führenden Tugenden der Hoffnung, des Glaubens, der Liebe allen anderen Arten der Geistesentrückung . vorzuziehen sind. Was man auch gegen die Unsterblichkeit und gegen die Erweiterung unserer Persönlichkeit sagen mag, sicherlich werden wir durch eine verborgene göttliche Kraft regiert, und der Vollendungszustand tritt erst ein, wenn war Körper und Welt verlassen haben. Nur infolge unserer körperlichen Beschaffenheit fürchten war den Tod, in Wahrheit ist er der Tag unserer Geburt.207) So ergibt sich als Resultat: Mag auch der Glaube die Vernunft überragen, so scheint er doch in keiner anderen Weise begründet werden zu können, als durch die Vernunft; sie geht dem Glauben voraus, indem sie unter den Glaubens werten eine Ausw'ahl trifft. Und so ist es die Vernunft, die auch den Glauben an Gott begründet. Vorzugsweise ist es die kosmologisch-teleologische Beweisart, welche auch den Heiden den Gedanken an einen Urlieber und Lenker des Weltalls nahe brachte. Die Uebel in der Welt sind als Sündenstrafen auf die verborgenen, aber gerechten Urteilsschlüsse Gottes zurückzuführen. Trifft das Uebel den Rechtschaffenen, so winkt ihm im Jenseits der Ausgleich durch Belohnung. Uebel und Schuld aber haben in dem Gute der Wahlfreiheit ihren Grund. Ohne diese Freiheit aber gäbe es auch kein Gut.208) Stimmt diese Lehre Herberts weithin mit dem rationalethischen Gehalt des Judentums überein, so legt nun Herbert der Priesterschaft aller Religionen eine Reihe von Fragen vor, welche seinen Gedankengang zusammenfassen:209) 1. Darf ein anderer Gott vom Menschengeschlecht mit Recht als der Beste oder Höchste und als gemeinsamer Vater bezeichnet vזerden, als jener, welcher durch seine allgemeine Vorsehung für 206) Güttler a. a. O. S. 71. 207) Güttler a. a. O. S. 73. 208) Güttler a. a. O. S. 109 ff. 209) Herbert: De Religione Laici: Appendix ad Sacerdotes; Güttler a. a. 0. S. 98 ff.