Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1928 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 116)
- Language
- German
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89 der Religion, die Güte Gottes sowie unser Gewissen, daß echte Reue und Zerknirschung das zerrissene Bündnis mit Gott aus Gnaden Wirkung wieder anknüpfen könne. Sollte die Sühnung nicht möglich sein, so hat es weder in der Vergangenheit irgend ein Mittel gegeben, noch gibt es ein solches jetzt, um das armselige Geschlecht der Menschen wieder mit dem inneren Frieden und der Gnade zu erfüllen, die es verloren hat. In diesem traurigen Falle hätte Gott den größten Teil der Menschen gegen ihren Willen zuerst geschaffen und dann verdammt; ein Gedanke, der so sehr der gütigen Vorsehung und Gerechtigkeit Gottes widerstreitet, daß es weit besser ist, anzunehmen, die gesamte Menschheit habe sich durch wahre Reue stets wieder mit Gott versöhnen können. 5. Es gibt nach diesem Leben eine Belohnung und eine Strafe. Jede Religion, jede Art von Gesetz und Philosophie insbesondere aber das Gewissen bezeugt in offener oder versteckter Weise, daß uns nach diesem Leben Strafen oder Belohnungen erwarten. Es gibt keine so barbarische Nation, welche nicht eine zukünftige Vergeltung im Guten wie im Bösen anerkannt hätte. Demgegenüber sind die besonderen Vorstellungen über das Fortleben der Seele und die Art der Belohnungen und Bestrafungen von geringer Bedeutung. Diese fünf Grundsätze sind als Allgemeinbegriffe von Gott selbst in unser Inneres eingeschrieben worden. Daraus folgt nicht, daß nunmehr jede Religion gleich gut sei oder daß alle Menschen in jeder beliebigen Religion gerettet werden können. Wie könnte das auch der Fall sein bei jemandem, der mehr als notwendig glaubt., aber weniger tut, als er soll? Allein daran ist streng festzuhalten, daß in jeder Religion, ja in jedem einzelnen Gewissen entweder die Gnade oder die Natur genügende Mittel an die Hand gibt, um Gott angenehm zu machen. Was sonst in der Religion an besonderen Gnadenmitteln empfohlen wird, ist auf Rechnung der einzelnen Religionsstifter zu setzen.203) Die Offenbarungswahrheit unterscheidet sich von der VernunftWahrheit dadurch, daß die letztere in unserem Erkenntnisvermögen, die erstere in der Autorität des sich Offenbarenden wurzelt. Um die wahre Offenbarung von der falschen unterscheiden zu können, müssen eine Anzahl von Bedingungen erfüllt sein: 1. hat man sich des Gebetes, der Gelübde und aller sonstigen Hilfsmittel zu bedienen, die imstande sind, die allgemeine oder besondere 203) Güttler a. a. O. S. 68.