Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1928 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 115)
- Language
- German
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88 Bei der Prüfung der Religionssätze und Dogmen leiten uns die Wahrheiten der Allgemeinbegriffe, sodaß ohne sie die Auswahl einer Offenbarung oder einer Religion überhaupt unmöglich wäre. Jede Religion, jeder Prophet ist um so glaubwürdiger, je mehr er sich denselben nähert. Die Lehre von den Allgemeinbegriffen ist das Glaubenssymbol der wahrhaft katholischen Kirche Gottes, welche weder je geirrt hat, noch irren wird, weil in ihr die allgemeine Vorsehung Gottes zu Sieg und Triumph fortschreitet. Dieses Symbolum besteht aus fünf Grundartikeln oder allgemein gültigen Dogmen :202) 1. Es existiert ein höchstes göttliches Wesen. Ueber die Zahl der Götter ist man uneins gewesen, über eine höchste Gottheit in der Schar anderer Götter niemals. Römer, Griechen, Juden erkennen ein solches Wesen an und alle übrigen Völker tun dasselbe, welche Namen sie auch dieser Gottheit geben. Zum Wesen der Gottheit gehört die Ueberzeugung, daß sie die Glück- Seligkeit selbst, daß sie Endzweck, Ursache und Mittel aller Dinge sei, daß man sie im Gebet anrufen könne und ihr die Attribute der Ewigkeit, Allgüte, Gerechtigkeit und Weisheit zukommen. 2. Dieser höchsten Gottheit gebührt Verehrung. Während über die Verehrung der einzelnen Gottheiten, Heiligen und Engel nichts feststeht, lehrt uns die allgemeine Uebereinstimmung der Menschen, daß man die höchste Macht anbeten müsse. Aus dieser natürlichen Abhängigkeit und Verehrung entstammt jene wahrhaft göttliche Religion und jener Vorsehungsglaube, den auch die rohesten Völker irgendwie anerkennen. Hierauf stützt sich die Ueberzeugung von der Gebetserhörung, von der Wirk samkeit der Opfer und der Austeilung besonderer Gnaden an die Auserwählten. Dem Scheine nach kann es religionslose Menschen, Atheisten, geben, der Sache nach niemals. Sollte es aber welche geben, so sind sie anormale Menschen, Geisteskranke und Toren. 3. Die beste Form der Gottesverehrung ist Tugend und Frömmigkeit. Schon die Dankbarkeit der Kinder gegen ihre Wohltäter ist ein Akt der Gottesfurcht. Mit dem Alter steigert sich die Dankbarkeit zur Frömmigkeit, Lebensreinheit, zur Liebe und zum Gottvertrauen. 4. Alle Laster und Verbrechen müssen durch Reue gesühnt werden. Auch in diesem Punkte herrscht über die Art der Sühne, ob durch Waschungen', Reinigungen, Opfer und sonstige Zeremonien, keine Uebereinstimmung, wohl aber lehrt uns die Stimme 202) Herbert: De veritate S. 210 ff.; Güttler a. a. O. ß. 64 ff.