Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1928 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 114)
- Language
- German
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87 zu der allgemeinen Vorsehung, ist sie dagegen partikular, so ist sie willkürlich und von dunklen Ratschlüssen Gottes umgeben. Wer aber seine Pflicht erfüllt, darf sicher hoffen, daß ihm dort, wo menschliche Voraussicht aufhört, die Heilsgnade nicht fehlen werde.199) Der natürliche Instinkt ist unter allen geistigen Vermögen das erste und vornehmste, das diskursive Denken beruht hingegen in seinen Grundlagen auf jenem. Die Wahrheiten des natürlichen Instinkts sind Grundlagen des gesamten Geisteslebens, sind die Allgemeinbegriffe des Denkens, Fühlens und Wollens. Sie sind charakterisiert durch ihre Apriorität, Unabhängigkeit, Allgemein־• heit, Gewißheit, Notwendigkeit und Konformation. Während das diskursive Denken langsam voranschreitet und dem Irrtum verfallen kann, geben die Allgemeinbegriffe sofortige Wahrheit.200) Das Ziel des natürlichen Instinkts ist die Glückseligkeit. Jedes Natur wesen, auch das vernunftslose strebt nach einem dauernden Gute, welches seinen Endzweck ausmacht. Der Mensch soll nicht an diesem hinfälligen und vergänglichen Dasein haften, sondern in Liebe dem ewigen Leben oder wenigstens der Hoffnung darauf sich hingeben und dieses Ziel mit allen Kräften zu erlangen streben. Die Mittel zur Erreichung dieses Zieles weisen die inneren Sinne. Hierzu gehören alle Sinne der sinnlichen und logischen Unterscheidung der Gegenstände, aber auch die ästhetischen und ethischen Sinne der Unterscheidung von Gut und Böse und die Fähigkeiten des Glaubens, Höffens, Liebens. Alle inneren Sinne gipfeln in einem einheitlichen Gemeinsinne, dem Gewissen, welches uns befähigt, alle zu unserem Wohle führenden Affekte mit Gott zu konformieren. Das Gewissen bildet das Tribunal Gottes, von dem aus es keine Berufung gibt. Der Frage nach dem Dasein und dem Wesen eines Gegenstandes folgt stets die andere Frage, ob das, was existiert, auch in der gegebenen Art existieren solle. Im Gewissen gibt sich auch die Existenz eines allgegenwärtigen göttlichen Wesens zu erkennen. Das Gewissen führt uns zur Anerkennung einer Vorsehung, es bestimmt unsere Handlungsweise und versichert uns der Strafe und Belohnung im Jenseits, da uns Gott sonst nicht zu so strenger und harter Tugend verpflichtet hätte.201) 199) Güttler a. a. O. S. 34. 200) Herbert: De veritate S. 61; Güttler: a. a. O. S. 35. 201) Herbert: De veritate S. 66 ff., S. 104; Güttler a. a. O. S. 36