Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1928 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 112)
- Language
- German
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85 Es bleibt noch übrig zu erwägen, woher Bodin die Anschauung vom Juden Salomo hatte. Das ist keine Phantasiegestalt, so wenig wie Lessings Nathan, sondern ein markanter Vertreter des jüdischen Monotheismus, voller Klarheit und Schärfe des Geistes, ethischen Temperaments und Würde der Persönlichkeit, voller Stolz auf das Erbe der Väter, das sein geistiges Eigentum ist. Erinnern wir uns, daß das Gespräch in Venedig gepflogen wird, neben Mantua, Padua, Ferrara, Florenz eine der bedeutendsten Zufluchtsstätten der aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden. Venedig, wo Don Isaak Abarbanel seine Zuflucht fand, Juda Abarbanel (Leo Hebräus) eine zeitlang weilte, Elia Levita lehrte und auch jüdische Frauen wie die Dichterin Sarah Copia Sullam an dem geistigen Leben teilnahmen. Diese Juden waren keine Ghetto-Juden, sondern Träger einer jüdischen Geisteskultur, Lehrer der Philosophie, der Grammatik, der Kabbala. Ihr Blut und ihr Geist spricht aus dem Juden Salomo des Heptaplomeres. Zum ersten Mal tritt in dem Werk eines christlichen Schriftstellers ein Jude auf, der nicht nur persönlich geachtet und geschätzt wird, sondern dessen Judentum als reinste Annäherung an die natürliehe Religion anerkannt wird. Kann es Wunder nehmen, daß Bodin, wenn auch völlig unberechtigt, für einen Juden gehalten wurde! Im Humanismus des Heptaplomeres verschmilzt der ethischrationale Gehalt des Judentums am innigsten mit dem neuplatonisch-stoischen Humanismus der Renaissance. Ist aber wirklich die Vernunftreligion Toralbas das Ideal, dessen nur höchste Annäherung das Judentum darstellt? Genügt es dem religiösen Bewußtsein, in der sittlichen Vernunft des Menschen das Siegel des göttlichen Geistes zu wissen und in der Erfüllung des Guten auf den Wegen Gottes zu wandeln? Ist Religion nur letzte metaphysische Fundierung des Sittlichen und nicht vielmehr in aller Unbegreiflichkeit, wie Gott und Mensch in einem Verhältnis der Nähe und der Vertrautheit des Du sich einander erschließen können, doch wieder diese Nähe in aller Ferne! Gnade und Freiheit, Offenbarung und Erkenntnis, Irrationales und Rationales, Gott und Mensch bilden eine dynamische Polarität, die nicht aufzuheben ist, ohne die Religion selbst zu vernichten. Und ist nicht auch Toralbas Vernunftreligion noch von einem Hauch dieses Geheimnisses umwittert, wenn Toralba dämonische Wirkungen zwischen Gott und Mensch setzt, zwischen Gott und Vernunft die Macht des Irrationalen walten läßt!197) 197) Heptaplom. S. 27 ff.