Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1928 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 98)
- Language
- German
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71 grundsätzlich in die Toleranz eingeschlossen, sollen aber zu ehrlicher Arbeit anstelle des Wuchers gezwungen werden. Mit Ironie weist Franck auf die Judenpolitik der Machthaber: ״jetzt bringt man die Juden ins Land, gibt ihnen Platz und Raum zu wuchern, arme benötigte Leute zu schinden und zu schaben . . . dann tötet und vertreibt mans wieder‘‘.16ף ״Auf dem dunklen Hintergrund all dieser Verfolgungen, Torturen und Hinrichtungen von Täufern und Spiritualisten, der offiziellen Lügen protestantischer und katholischer Kirchenhäuptlinge, der Enttäuschung über den Gang der Reformation erhebt sich der moralisch-religiöse Pessimismus des Sebastian Franck: wie ein schwermütiges und doch tief beschauliches Antlitz, dessen Augen sich einzubohren scheinen in das Meer von Gram und Unrecht. Dieser Mann ist einsamer noch als nachher Spinoza. Er fühlt sich innerlich losgelöst von allen Sekten, in welche die eine Wahrheit zerrissen ist, daher gehört er keiner gegenwärtigen und wartet keiner neuen äußeren Kirche. Ein Glied der unsichtbaren Gemeinde, der schon Sokrates und Seneca angehörten. Zu ihr gehören ״alle recht Gotts frommen und gutherzigen Menschen“, ohne Zermonien und äußeren Gottesdienst. ״In und bei dieser bin ich, zu der sehne ich mich in meinem Geist, wo sie zerstreut unter den Heiden und Unkraut umfährt.“ Wer denkt nicht an Lessings einsames Ende in Wolfenbüttel, an das Christentum seines Testamentes Johannes und seiner Erziehung des Menschengeschlechts? ‘a 62) Francks religiöser Universalismus und Individualismus mahnt die Gemeinschaftsreligionen der Erde dem Verfall der Religion in ihrer Mitte, dem Abfall vom Geist in den Buchstaben entgegen zu wirken durch die nie aufhörende Erneuerung der Gottesliebe in der Bewährung der Menschenliebe. Trotz ihrer Neutralität gegen das Kirchenwesen ist die Mystik Francks im Unterschiede zur intellektualistischen Mystik des Neuplatonismus und zur indischen Mystik prophetische Mystik d. h. Künderin der willensmäßigen Einigung des Menschen mit dem Willen Gottes. Es lebt in dieser Mystik das persönliche Gottesbewußtsein des ״großen Gottes und Herren aller Welten“, seines Willens, seiner Liebe und Barmherzigkeit, seines Zorns, seines Gerichtes, des Gottes, der Boten sendet, die seinen Willen verkünden.“163) Diese 161) Franck: Weltbuch 157 b; Hegler a. a. O. S. 262. 162) Dilthey: Weltanschauung und Analyse des Menschen seit Renaissance und Reformation. Ges. Schriften II S. 89. 163) J. Kühn: Toleranz und Offenbarung, 1923, S. 275.