Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1928 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 96)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2720904-2721039--095-2726916- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
69 innigen Anschluß an Gott, seine Liebe, sein Gesetz. Dieser Glaube an Gott, das Vertrauen an seine Gnade und seine Kraft wirkt sich aus in den Werken, so daß ebenso die Werke ohne Glaube, wie Glaube ohne Werke unzulänglich sind. ״Wie des Feuers Art ist brennend, also des Glaubens Art Gutes tun und das Gesetz halten‘‘, ,,der lebendig Glaube, der durch die Liebe tätig ist, ist Quelle aller Werke‘ ‘.154) Wohl haben die guten Werke vor Gott keinen Bestand, aber Gott nimmt sich nur des ge־ lassenen Menschen an, der sich selbst verleugnet, das Fleisch kreuzigt, der Welt abstirbt. So ist Franck unerschöpflich in Klagen gegen das Volk, das ohne den Ernst der Besserung sich der durch Christus geschaffenen Gnade freut, und gegen die Theologen, die ,,dem Volk Frieden verkündigen, da keiner ist, Vergebung der Sünden denen, die in keiner Buße oder Mißfallen ihres Lebens stehen.“155) ,,Gedeckt von der spiritualistischen Wendung, daß Gottes Geist allein im Menschen wirken müsse . . . zieht die moralische Selbsttätigkeit in den Mittelpunkt der Heilsauffassung ein. Die objektive Seite in der reformatorischen Heilslehre, die Rechtfertigung als göttlicher Akt, die Vermittlung der Erlösung durch das Werk Christi ist tatsächlich aufgelöst.“156) Der Höhepunkt der Gottesnähe ist für Franck die Erfahrung, daß Gott im Menschen den sittlichen Willen wirkt. Christus bedeutet das Vorbild des Lebens und vor allem des Leidens. Steht Franck in seiner Heilslehre dem Judentum darin nahe, daß nicht ein sakramentales Geschehen den Menschen religiös und sittlich verwandelt, sondern die Nachahmung Gottes die Idee des sittlich-religiösen Lebens ist, so unterscheidet sich Franck vom Judentum durch den tiefen Pessimismus, mit dem er Staat und Wirtschaftsleben als unabänderlichen Ausdruck der Selbstsucht betrachtet. So wird der Widerspruch zwischen einer auf Gewalt begründeten, in die Händel der Welt verwickelnden Lebens- Stellung und den Forderungen des Evangeliums stark empfunden. Es fehlt das Vertrauen und das Gefühl der Verpflichtung, die staatliche Gewalt der Gerechtigkeit unterzuordnen; die innerweltliche Askese bleibt der Weg der Ueberwindung der Welt. Ebenso wird nicht der Weg sozialer Reformen beschriften oder gewiesen, sondern auch hier das Eigentum aus Not geduldet; aber 154) Franck: Chronika 213 a; Weltbuch 124 a; Hegler a. a. O. S. 164. 155) Franck: Geschichtsbibel II 144 a; Hegler: S. 164. 156) Hegler a. a. O. S. 170.