Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1928 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 92)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2720904-2721039--091-2726912- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
65 aussetzung zum Verständnis der Schrift, doch die ursprüngliche natürliche Vernunft als Kraft der Gotteserkenntnis zu würdigen. ,,Was die Christen dem Geist Gottes zuschreiben, teilen Heiden wie Platon und Seneka und Petrarka der Vernunft zu.“144) Immer aber bleibt das rationale Element der mystischen Erfahrung untergeordnet und in ihr eingeschlossen. Im Unterschiede aber zum metaphysischen Humanismus der Renaissance entfaltet sich Francks Humanismus nicht in einer Welterkenntnis, so sehr er auch die Offenbarung Gottes in der Natur anerkennt, sondern in der Betonung der universalen religiösen Erfahrung Gottes in der Tiefe des menschlichen Herzens. Der selbständige Wert der wissenschaftlichen Forschung tritt zurück gegenüber dem Gewicht der religiösen Ueberzeugung. Diese religiöse Ueberzeugung bewahrt ihre Freiheit und Selbständigkeit auch gegenüber dem sich bildenden kirchlichen Protestantismus. Ebensowenig aber läßt sie die Vernunft anstelle der Religion treten und die göttliche Erleuchtung zur Aufstellung einiger natürlicher sittlich-religiöser Wahrheiten verblassen. Es überwiegt der mystische Zug, der in der Lehre vom inneren Wort der eigentlich gestaltende Trieb ist.145) Auf den ersten Blick ist es deutlich, daß Francks Betonung der Freiheit der religiösen Ueberzeugung, die in der Unterscheidung des Wortes Gottes von der Schrift am deutlichsten zum Ausdruck kommt, wie mit jeder Schriftreligion, so auch mit dem Judentum aufs tiefste kollidiert. Ist doch grade das Judentum Schriftreligion in eminentem Sinne, sodaß die Thora der Weg des Menschen zu Gott ist. Und hat nicht die weitere religiöse und religionsgesetzliche Entwicklung des Judentums den Primat der Thora zu entscheidender Anerkennung gebracht? Und dennoch: Nicht erst der Einbruch philosophischer Gedankengänge aus der griechischen Welt hat die Thora mit .dem ungeschriebenen Gesetz identifiziert. Die Thora selbst weiß sich nicht im Himmel wohnend und nicht jenseits des Meeres, sondern ,,in deinem Munde und deinem Herzen es zu tun.“146) Und auch die Propheten sind nicht Männer der Schrift, der Gelehrsamkeit, sondern durch Gott erleuchtet. Auch sie verkünden eine Zeit, da Gott einen neuen Bund mit dem Hause Israel schließen wird, wo ,,ich meine Lehre in ihr Inneres gebe und in ihr Herz schreibe.“ Grade darum aber, weil die Thora sich gegründet weiß 144) Franek: Paradoxa S. 6 b; Hegler a. a. O. S. 111 ff. 145) Hegler a. a. O. S. 118 ff. 44ף V. B. M., Kap. 30 v. 14.