Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1928 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 89)
- Language
- German
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62 Aus Erasmus und Agrippa klangen Franck Worte entgegen., welche die Erfindung der Buchstaben wie aller Künste als Verderblieh schilderten, und so schaut Franck in die Zeit zurück, in der garnicht oder wenig geschrieben wurde, wo die Frommen auf das innere Wort hörten und das Zeugnis des äußeren Wortes nicht durch Schrift, sondern mündlich überkommen haben. Das Beste läßt sich überhaupt nicht theoretisch erkennen, noch weniger in Worte fassen, man kann es nur im Herzen empfinden. ,,Gott kann nicht geschrieben werden. Das recht und best läßt sich nicht reden/' Man sieht es am Gebet: viel mehr empfinden die Gottgelassenen, als sie aussprechen können; Gott hört mehr in ihnen als sie sagen.136) Und den letzten Hintergrund dieser Gedanken enthüllt Franck durch die auf die Mystik Eckharts und Taulers zurückgreifenden Ausführungen : Gott kann in keiner Kreatur beschlossen sein : was man von ihm sagt und schreibt, ist alles nur ein Bild, Schatten, ja Lug und Trug. Gott und sein göttlich Wort ist aller menschliehen Gedanken Widerspiel und Gegensatz. Und so will auch ei in seinen Schriften ,,auf alle Ding nur mit dem Finger deuten und mit Willen mehr den Gedanken zulassen, denn aussprechen/'137? Zu der Unfähigkeit des Buchstabens, den Geist auszudrücken kommt nun noch hinzu, daß der Mensch als ein aus Geist und Fleisch zusammengesetztes Wesen stets die Möglichkeit hat, die Schrift statt mit den Augen des Geistes, mit den Augen de> Fleisches anzusehen. Nur der Geist aber kann den Geist lehren. Die Verehrung des Buchstabens setzt die Schrift anstelle der* Geistes, anstelle Gottes. Das ist für Franck Rückfall in dar> J udentum. Welche positive Anschauung setzt nun Franck anstelle der Schriftautorität, worin liegt die höchste Autorität für Lehre und Leben? Es ist der Geist Gottes, die innerlich schöpferische Autorität anstelle der äußerlichen. Durch Niederwerfung der Zeremonien und der priesterlichen Autorität ist man dieser näher gekommen, nun dürfe man nicht bei der Schrift stehen bleiben sondern zu ,,dem wahren, lebendigen, inwendigen Wort Gottes das zu unserer Seele predigt und uns in unserm Geist zuspricht" Vordringen. So will Franck die zwei Begriffe ,,Wort Gottes" und ,,Schrift" auseinanderhalten. 136j Franck: Morie Encomion 1534 Tübingen S. 92 b. 93 a, 153 b; Hegler a. a. O. S. 76. 137I Franck: Mor. Enc. S. 161 a; Paradoxa 1534 Nr. 175—77; Hegler a. a. O. S. 76 ff.