Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1928 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 88)
- Language
- German
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61 in seiner Opposition gegen die Autorität der Schrift der Nachweis von Widersprüchen in der Schrift‘ Man kann jedem Spruch einen Gegenspruch entgegenstellen, denn die Bibel ist im Buchstaben uneinig. So führt der eine Bibelworte an, die den freien Willen des Menschen beweisen sollen, der andere solche, die gegen ihn lauten; der eine beweist aus der Schrift die Seligkeit durch den .Glauben, der andere die Gerechtigkeit durch die Werke; der aus dem Kloster läuft, hat seine Sprüche wie der, der hineingeht; das Recht zur Kriegsführung wird aus der Schrift bewiesen, wie die Forderung der Sanftmut. Diese Widersprüche der Schrift aber beweisen nicht ihren bloß menschlichen Ursprung, sondern Gott selbst will uns durch die Widersprüche der Schrift aus ihr herausführen, damit wir nicht bei ihr stehen bleiben, sondern zu ihm selbst und seinem Geist die Zuflucht nehmen. Solange man bei der Schrift stehen bleibt, sind ihre Widersprüche nicht zu lösen; nicht das Schriftwort vereinigt sie, sondern nur der Geist; Auch die unzulänglichen Ausdrücke der Schrift von Gott beweisen, daß man nicht beim Buchstaben stehen bleiben dürfe. Der Buchstabe ist die Scheide für das Schwert, die Laterne für das Licht, das verwirrte Labyrinth, aus dem nur der theseische Faden des Geistes den Ausgang zeigen kann.133) : Es ist also nicht Schuld der Schrift, wenn sie so zerspalten ist, sondern unsere Schuld, daß wir sie falsch, nämlich nach dem Buchstaben auffassen. So folgt aus den Widersprüchen der Schrift nicht, daß wir sie nicht lesen, sondern mit dem rechten Geist lesen sollen, und wer ohne Gott in ihr liest, der soll nach göttlichem Willen zu gar keiner Gewißheit gelangen.134) Darum vermag die Schrift ohne den Geist auch nicht das neue Leben, das sie verlangt, in uns hervorzubringen. Sie kann uns den Glauben und die Liebe vortragen, aber nicht im Herzen schaffen, wie denn die Lehre nicht ein böses Herz ändern kann. Damit ihm die Schrift helfe, muß der Mensch schon vorher fromm sein. Das Reich Gottes kommt nicht von außen in uns hinein, sonst wären die Schriftgelehrten zu allen Zeiten die besten Christen gewesen. Nicht die Gelehrsamkeit ist der rechte Weg zu Christus, da die Religion nicht Sache des Wissens ist, sondern eine Kunst, die man durch Uebung erlernen muß, wie man ein Handwerk erlernt.135) * 43 h Hegler a. a. O. S. 63 ff. 131) Franck: Das verbütschierte Buch 1539 Stuttgart S. b 3, 399 a; gier a. a. O. S. 68. 135) Franck: Die Guldin Areli S. 261 b: Hegler a. a. O. S'. 70.