Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1928 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 86)
- Language
- German
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59 entscheidender und ursprünglicher Weise im Judentum, ist mehr noch als die Erhabenheit und Schönheit der Natur die im Herzen des Menschen sich regende Liebe zum Menscher» Offenbarung Gottes. Diese Liebe ist der Sinn der Welt und darum der Mensch nicht ein Mikrokosmos, ein Abglanz der Vollkommenheit der Welt, sondern der Sendbote der kommenden Welt, der Welt der Menschengüte, des Reiches Gottes. Und wie der Mensch der Sinn der Schöpfung, so ist der Mensch der zentrale Träger der göttlichen Offenbarung, der Mensch der absoluten Tat, der den Willen Gottes erfährt und ausführt, das ist der Prophet. Der Prophet verkündet den Bund Gottes mit dem Menschen. Das ist ein grenzenloser Anthropomorphismus, aber ein Anthropomorphismus, der aus den tiefsten sittlichen Kräften des Menschenherzens mit Notwendigkeit hervorgeht. Ohne ihn wird die Welt zum Chaos, denn die Welt verliert ihren Sinn, das Menschenleben sein Ziel. Dieser ungeheure Ernst, in der sittliehen Kraft des menschlichen Herzens die Offenbarung Gottes zu sehen, ist die unüberwindliche Wahrheit des Judentums. Aus seinem Feuer der Gottesliebe und der Gottessehnsucht stammt auch die Verklärung der Natur zum Symbol des liebenden, erhabenen, einzigen Gottes, die der tiefste Gehalt der Religion des metaphysischen Humanismus ist. 2. Schrift und Geist• (Der spiritualistische Humanismus.) SEBASTIAN FRANK Während der metaphysische Humanismus die Auseinandersetzung der Naturreligion mit der Schriftreligion darstellt und diese bis zur Negation der Offenbarungsreligion durchführt, steht der spiritualistische Humanismus auf dem Boden der Mystik in der Betonung der Autonomie des religiösen Bewußtseins gegenüber der Autorität der Schrift. Nicht Naturreligion und Offenbarungsreligion, sondern die Unendlichkeit individueller Offenbarung und autoritativ durch die Schrift abgegrenzte Offenbarung treten hier einander gegenüber. Da aber grade die Reformation in ihrem Kampf gegen die Hierarchie der Kirche in der Schrift das Fundament ihrer Heilsgewißheit und religiösen Wahrheit besaß, bedeutet der spiritualistische Humanismus im Gegensatz zur Reformation die Anerkennung der Freiheit des religiösen Bewußtseins. So stellt der Spiritualismus die radikale Fortsetzung der von der Reformation begonnenen Befreiung des religiösen Be-