Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1928 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 85)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2720904-2721039--084-2726905- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
58 leuchten, leben, fühlen, denken und dem Allguten, Alleinen und Allhohem lobsingen/'130) In Giordano Bruno bricht die metaphysische Gotteserkenntnis mit der im Mittelalter und in der Philosophie der Florentiner Akademie, ja selbst von Nicolaus v. Cusa festgehaltenen Einheit von philosophischer und biblischer Gotteserkenntnis. Die Naturreligion weist die Gottesanschauung der Bibel, die Philosophie die Offenbarung als falsch von sich. Darin liegt die prinzipielle Bedeutung der Philosophie Giordano Brunos. Der Gott der Metaphysik und der Gott der Religion treten als wesensverschieden einander gegenüber.' Giordano Bruno fiel als Märtyrer dieser # neuen Stellung zur Religion, überwunden von der Macht der Kirche. Ist damit auch seine Philosophie überwunden? Das ist das Problem, das Giordano Bruno der Religionsphilosophie als Erbe hinterlassen hat. Und wenn sich heraussteilen sollte, daß die ästhetisch-religiöse Naturanschauung selbst keine Wissenschaftliehe Geltung beanspruchen darf, wenn sich herausstellen sollte, daß die Wissenschaft keinen Gott kennt, ist dann mit der Ablelinung der Offenbarungsreligion nicht die Religion selbst aufgehoben? So wird zum zentralen Problem aller Religionsphilosopliie die Wahrheit der Offenbarung. Der metaphysische Humanismus der Renaissance, der in seinem universalen Theismus von tiefen religiösen Kräften getragen ist, der in der Synthese der Bibel und des Platonismus die Grundläge einer neuen Frömmigkeit geschaffen hat, verkannte, daß der metaphysische Humanismus nicht Wissenschaft, sondern Religion ist. So stark ist die Wahrheit des Herzens, daß sie für eine Wahrheit des Geistes gehalten wird. In Wirklichkeit treten in der Naturreligion und der Schriftreligion nicht Wissenschaft und Religion, sondern zwei Formen des religiösen Bewußtseins miteinander in Wettstreit. Wohl hat die Naturreligion ihren Gegenstand, die Natur mit der Wissenschaft gemeinsam. Aber wenn die Natur in der Naturreligion Symbol Gottes wird, so nur dadurch, daß die Natur nicht nur .,kalt staunenden Besuch“ erlaubt, sondern vergönnt, ,,in ihre tiefe Brust, wie in den Busen eines Freundes zu schauen/' Das trifft ebenso wie für den Pantheismus Goethes für den Pantheismus der Renaissance zu, die in der Liebe Gottes den Grund der Welt, die schaffende Natur erblickt. Den Schriftreligionen und in 130) Giordano Bruno: De Immenso Lib. VIII. Kap. 10, Ende: Brunnbofer a. a. O. S. 240.