Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1928 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 74)
- Language
- German
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47 ein edler Stern, dem Licht und Wärme und eine eigene von allen anderen Gestirnen unterschiedene Wirksamkeit zukommt.98) Indem sich das Weltall in eine unendliche Mannigfaltigkeit verschiedenartiger Bewegungen auflöst, deren jede um ihren eigenen Mittelpunkt kreist und die doch alle durch die Beziehung auf eine gemeinsame Ursache und durch den Anteil an einer universalen Gesetzlichkeit zusammengehalten werden, vollzieht sich die spekulative Rechtfertigung der Natur durch die Logik der Mathematik. Die Natur wird zum Buch Gottes, das er mit seinem Finger geschrieben hat.99) Diesen Grundgedanken, daß die Natur das ,,Buch Gottes“ sei, führt die Naturphilosophie der Renaissance als ihr Thema, durch. ,,Die Welt ist das Standbild, der lebendige Tempel und der Kodex Gottes, in den er Dinge von unendlicher Würde, die er in seinem Geiste trug, eingeschrieben und eingezeichnet hat.100) Deutet die mystische Naturphilosophie das Wort Gottes in der Schrift als symbolische Erkenntnis der Natur, so sieht Galilei in der Mathematik die Ziffernschrift der Natur, im Buche dei* Natur die deutlichere Offenbarung Gottes als im Buch der Schrift. Es ist umstritten, ob der Pantheismus, der in dem System des Cusaners zum Ausdruck kommt, den ganzen Gehalt der Cusanischen Gotteslehre deckt, oder ob nicht vielmehr Nicolaus v. Cusa an der Persönlichkeit und extramundanen Schöpfertätigkeit Gottes festhält. Für uns ist wichtig hervorzuheben, daß durch Nicolaus der Gottesbegriff aus seiner Verschmelzung mit der aristotelischen Physik herausgehoben und Gott das Zentrum der unendlichen Natur wird. Hierdurch ist Nicolaus v. Cusa wie der Vorläufer des Kopernicus so Giordano Brunos und Spinozas. Mit dieser Anerkennung aber der Natur als Erscheinung Gottes weicht die pessimistisch-dogmatische Betrachtung der Natur einer religiösen Bejahung der Welt. Damit trifft das religiöse Naturgefühl der Renaissance mit der jüdisch-biblischen Anschauung zusammen. Der Gott aber, dessen Erscheinung im System des Cusaners die Natur ist, ist wohl der Einzige, alles Sein in seinem Geist in sich schließende und in Liebe entfaltende, *aber nicht der das Seiende durch seinen Willen in geschichtlichen Katastrophen zu seinen sittlichen Zielen emporreißende Gott der 98) De doct. ignor. II Kap. 12. ") Idiota, Liber I de sapientia fol. 137; E. Cassirer: Individuum und Kosmos in der Philosophie der Renaissance, 1927, S. 30, 56 ff., 67. 100) Campanella, De sensu rerum et magia, ed. Tob. Adami, Frank־ furt 1620, S. 370 ff.; Cassirer a. a. O. S. 57.