Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1928 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 70)
- Language
- German
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43 Gotteskraft, seiner Liebe, Weisheit, Schönheit. Von der Welt gering denkend heißt unfromm sein. Und kein Schatten eines Sündenfalls, einer Erbsünde, überhaupt menschliche Taten vermögen die Schönheit der Welt, das Angesicht Gottes zu trüben. Der Quell dieser Schönheit der sichtbaren Welt aber liegt nicht im Sichtbaren, sondern im Unsichtbaren, nicht in der Erscheinung, sondern in der Idee, nicht in der Welt, sondern in Gott. Wir verstehen, daß diese religiös-künstlerische Weltanschauung die Weltanschauung der Künstler der Renaissance, insbesondere Michelangelos wurde. Dem Judentum ist diese Weltanschauung verwandt durch den religiösen Grund der Weltbejahung. Auf den ersten Blättern der Genesis prägt sich die Macht, Weisheit und Güte der göttlichen Schöpfung aus. So ist es zu verstehen, daß diese Darstellung der Schöpfung den Platonikem der Renaissance, wie Pico v. Mirandola, den Rahmen bieten konnte, das eigene Weltbild im Weltbild der Bibel wieder zu finden, in Mose den Lehrer Platons zu sehen. Und der jüdische Neuplatonismus Gabirols und der Kabbala, wie der christliche Neuplatonismus erschlossen die Möglichkeit, religiöse und philosophische Weisheit als Eines zu begreifen. Die Spannungen aber, von denen bereits die jüdische Philosophie des Mittelalters erfüllt ist, die Spannung zwischen dem Gott des Menschen und dem Gott der Natur, dem Gott der Religion und dem Gott der Metaphysik, sie blieben auch trotz der Innigkeit, mit der religiöses Fühlen der Metaphysik der Florentiner Akademie zu Grunde liegt, diesen Platonikem nicht erspart. Wohl liebt Gott seine Geschöpfe und alle Wesen folgen der in ihnen lebenden Sehnsucht nach Gott, leben durch diese Sehnsucht. Aber in der großen Hierarchie des Daseins, deren Stufenfolge der Neuplatonismus aufrichtet, gibt es keine unmittelbare Nähe zwischen Gott und Mensch anders als auf dem Wege der Ekstase, der intuitiven Kontemplation. Diese unio mystika ist das Hochziel des Lebens für Mensch und Uebermenscli, die Scharen der Engel. Jüdische Weltanschauung ist es, daß die Thora nur den irdischen Menschen gegeben wurde, als Weg aller den Willen Gottes erfüllenden Menschen. Nicht die Erkenntnis der Geheimnisse Gottes, sondern die Erfüllung seiner Forderungen verbindet den Menschen mit Gott, ist Ausdruck seiner Liebe zu Gott, Verwirk- Jichung des Gottesreiches. Der religiös-ethische Charakter des Judentums gibt bei Anerkennung der Größe und Herrlichkeit der Welt nicht der Welt, sondern dem Menschen den Vorrang der Gottähnlichkeit. Nicht die metaphysische Sendung hat der Mensch,