Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1928 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 69)
- Language
- German
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42 nicht die Unendlichkeit Gottes erfassen. Doch insoweit Gott erkannt wird, wird er auch geliebt. Diese Erkenntnis und diese Liebe ist die Vollkommenheit und Seligkeit des geschaffenen Intellekts, denn der Zweck aller Liebe ist die Freude.89) In Leone findet die jüdisch-religiöse Weltanschauung ihre innigste Vereinigung mit dem Platonismus der Renaissance. Seine Philosophie der Liebe verschmilzt die Gottessehnsucht und Gottesliebe des Judentums mit der religiös-ästhetischen Verklärung der Welt. Und diese Verschmelzung ist eine so innige, daß es schwer zu entscheiden ist, ob die zentrale Betonung der Liebe als Attribut Gottes und als Grund seines Schaffens wie ihre Stellung im Ganzen der Welt bei Leone von jüdischen Quellen, insbesondere von Gabirol, der Kabbala und Crescas oder durch die Denker der Florentiner Akademie primär beeinflußt ist. Im Unterschiede zu Crescas aber nimmt die Thora bei Leone trotz aller Betonimg der prophetischen Höhe der Gotteserkenntnis und ihrer Uebereinstimmung mit der metaphysischen Gottes- und Welterkenntnis eine weniger entscheidende Stellung für sein religiöses Bewußtsein ein. Wie sehr Leone im Judentum wurzelt und sich seiner Uebereinstimmung mit den jüdischen Denkern freut, ist seine Weltanschauung mehr universalistisch als konfessionell. So auch betont er die sich in der Weltschöpfung und Welterhaltung auswirkende Liebe Gottes mehr als die geschiehtliehe Leitung Israels durch Gott in der Offenbarung des Gesetzes und mehr selbst als für Marsilio Ficino, geschweige für Crescas ist nicht die Liebe zu Gott, sondern die erkennende Liebe zu Gott, Ziel und Glück des Menschenlebens. Nicht erst durch den Sieg der Copernikanischen Weltansicht, wie vielfach angenommen wird, sondern bereits seit der Erneuerung des Lebensgefühls der Antike durch Petrarca beginnt die immer tiefer greifende Auseinandersetzung zwischen christlichpessimistischer Weltvemeinung und dem Irdischen zugekehrter lebensfroher Weltbejahung. In dieser Auseinandersetzung zwischen Antike und Christentum, die bis auf die Gegenwart fortdauert und in Nietzsche ihre stärkste Ausprägung gefunden hat, bedeutet die Erneuerung des Platonismus im Kreise der Florentiner Akademie die Verschmelzung des religiös-sittlichen Idealismus mit der Anerkennung der Schönheit, Herrlichkeit, Seligkeit des Lebens. In der Gottesliebe ist die Liebe zur Welt nicht ausgeschlossen, sondern eingeschlossen. Die Welt ist Ausdruck der schaffenden 89) Dialoghi S. 251 b, S. 255 a, S. 259 a.