Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1928 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2720904-2721039--049-2726870- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
23 Es sank unsere Seele in unseren Körper hinab, da sie, vom göttlichen Lichte lassend, sich ausschließlich des eigenen Lichtes bediente und sich auf sich selbst zu beschränken begann. Nur Gott allein, welchem nichts mangelt, und über dem nichts ist, "vermag sich auf sich selbst zu beschränken oder sich selbst zu genügen. Mithin stellte die Seele sich Gott gleich, als sie sich auf sich selbst beschränken wollte. Darum tauchte sie nieder in den Abgrund des Körpers wie in den Lethestrom, vergaß für eine Zeit lang ihrer selbst und wird von der Sinnlichkeit und den Gelüsten wie von Häschern und Tyrannen fortgeschleppt. Nachdem aber der Körper herangewachsen ist und die Sinnesorgane geläutert sind, erhebt sie sich ein wenig unter dem Einfluß der Zucht. Da beginnt das natürliche Licht zu erstrahlen und sucht die Ordnung der natürlichen Dinge zu erforschen. Bei dieser Ergründung wird sie sich bewußt, daß es einen weisen Baumeister des unermeßlichen Weltgebäudes gibt und verlangt ihn zu schauen und zu besitzen. Dieser Baumeister ist aber nur durch das übernatürliche Licht erkennbar. Dieses Verlangen ist in Wirklichkeit die Liebe, durch welche die eine Hälfte des Menschen nach der anderen erfüllt wird. Denn das natürliche Licht als die eine Hälfte der Seele bemüht sich, das übersinnliche Licht, ihre andere Hälfte, welche einst von uns verschmäht war, in uns wieder anzuzünden.39) Vier Wege führen uns zu dieser Seligkeit hin: Klugheit, Tapferkeit, Gerechtigkeit und Mäßigung.. Die Klugheit zeigt uns zunächst das Ziel, die Seligkeit, die drei übrigen Tugenden führen uns als drei Wege zu ihm hin. Gott bringt also in den verschiedenen Seelen seine Lichtfunken dergestalt in das rechte Verhältnis, daß unter Führung der Klugheit die einen durch Ausübung der Tapferkeit, andere durch Ausübung der Gerechtigkeit, andere wiederum durch Befleissigung in der Mäßigung zu ihrem Schöpfer gelangen. In einem bestimmten Lebensalter tragen wir, vom natürlichen Lichte geleitet alle Verlangen nach dem übersinnlichen Lichte, wenn auch die einzelnen Menschen es auf verschiedenen Wegen zu erlangen streben.40) In diesem Leben Gott wahrhaft zu erkennen ist ganz unmöglich; ihn aber wahrhaft zu lieben, auf welche Weise man ihn auch erkennen möge, ist möglich und leicht zu tun. Diejenigen, welche Gott erkennen, haben noch nicht sein Wohlgefallen, wenn 39) Ficinus a. a. 0. IV. Rede, Kap. 4, S. 96. 40) Ficinus a. a. O. S. 98.