Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1928 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 49)
- Language
- German
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22 Sachen der niederen; diese sind die Produkte der höheren; die gleichstehenden haben mit einander ihre Wesenheit gemein. Die Ursachen lieben ihre Produkte als ihre Teile und Abbilder. Die Produkte sehnen sich nach ihren Ursachen als nach ihren Erhaltern. Die gleichstehenden Dinge bringen einander Liebe entgegen als Glieder desselben Leibes. So leitet Gott mit Wohlgefallen die Engel, diese lenken gemeinsam mit Gott die Seelen und diese regieren zusammen mit jenen durch natürliche Liebe die Körper. Hieran ist die Liebe des Höheren zum Niederen deutlich zu erkennen. Die Körper wiederum verbinden sich begierig mit ihren Seelen und trennen sich nur ungern von ihnen. Unsere Seelen ersehnen die Seligkeit der überirdischen Wesen; deren Dasein ist selige Verehrung der göttlichen Herrlichkeit. Hierin äußert sich die Regung der Liebe im Niederen zum Höheren. Gleichermaßen vereinigen sich freudig alle Teile des Feuers miteinander und ebenso alle Teile der Erde, des Wassers und der Luft. In jeglicher Tierart stehen die Lebewesen derselben Art in geselligem Verkehr miteinander. Hierin zeigt sich die Liebe zwischen gleichen und ähnlichen Wesen. Wer kann also wohl in Zweifel ziehen, daß die Liebe allen Wesen zu allen anderen angeboren ist?36) Sogleich nachdem die Seele von Gott geschaffen ist, wendet sie sich aus natürlichem Triebe zu Gott als ihrem Erzeuger hin. Durch den ersten Lichtfunken erleuchtet, erkennt sie sich und das unter ihr Stehende, die Körperwelt. Gott aber und das andere Ueberirdische erkennt sie nicht durch ihn. Nun aber, nachdem sie durch den ersten Lichtfunken Gott näher gekommen ist, empfängt sie noch ein anderes, helleres Licht, durch welches sie auch das Ueberirdische zu erkennen vermag. Sie besitzt also zwei Lichter: das natürliche oder angeborene Licht und das göttliche oder eingestrahlte Licht, damit sie mit beiden zusammen, als mit zwei Flügeln, zu der erhabenen Region den Flug nehmen könne.37) Würde sich die Seele stets des übersinnlichen Lichtes bedienen, so würde sie mit ihm stets der Gottheit nahe sein. Dadurch wäre dann die Erde ohne vernunftbegabte Wesen. Die göttliche Vorsehung hat jedoch bestimmt, daß der Mensch sein freier Herr sei und sich jenachdem beider Lichter oder nur eines von beiden bedienen könne.38) 36) Marsilius Ficinus a. a. 0. III. Rede, Kap. 1, S. 79 ff. 37) Marsilius Ficinus a. a. 0. IV. Rede, Kap. 4, S. 94. 38) Ficinus a. a. O. IV. Rede, Kap. 4, S. 95.