Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1928 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2720904-2721039--035-2726856- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
9 zu differenzieren beginnen, wo einerseits die Renaissance auf das weltliche Gebiet des Staates, der Wissenschaft und der Kunst übergreift, andererseits die Reformation sich davon gesondert in eigentümlicher Art der religiösen Triebe bemächtigt. Während die Reformation trotz ihrer tiefen Erschütterung der Hierarchie, der Spiritualisierung des Glaubens, der Betonung der individuellen Glaubensgewißheit doch selbst innerhalb der christlichen Dogmatik verblieb, in der Christologie und Rechtfertigungslehre ihren zentralen Kern behielt, der Mystik und dem Humanismus sich bald feindlich entgegenstellte und eine neue Rechtgläubigkeit begründete, vertreten Humanismus und Renaissance den Gedanken des Universalismus und errichten über dem absoluten Imperium des Papsttums und des Kaisertums das neue Imperium unpolitischer Art, das Imperium des autonomen Geistes, der freien Entfaltung der menschlichen Natur. Hierfür gibt Beispiel und Ermutigung das römische Altertum. Humanismus und Renaissance sind von Grund aus geistige Bewegungen. Ihre Quelle ist die Sehnsucht nach der Urform des Menschlichen, das natürliche Gefühl für Einfachheit, Klarheit, Größe, vSchönheit, Freiheit und Harmonie der Form, für festliche Pracht, Schmuck und Freude des Lebens. Sie entfalten sich und gewinnen an Kraft in der Versenkung in die antike Kulturtradition. Die Kunst hat die Aufgabe, den Menschen darzustellen, wie er aus der Hand Gottes hervorging. Demzufolge soll das Altertum nicht an sich nachgebildet werden, wrohl aber als die herrliche Verklärung des Menschen. Der höchste Gegenstand der Kunst ist die Darstellung des Menschen und zwar des nackten Menschen, wie er aus der Hand des göttlichen Künstlers hervorging4). Die Adam-Mystik bezeichnet demgemäß die tiefste Sehnsucht und das höchste Ziel der neuen Zeit. Der neue Persönlichkeitsbegriff und der neue Naturbegriff der Renaissance haben hier ihre Quelle. Der Uebermensch, den die Tyrannen und Condottieri der Renaissance verkörpern wollten, ist ein Reflex jener mystischen Adam-Idee. Aber nicht diese trotzige Verwerfung aller ideellen Normen, dieser heidnische Titanismus ist ihr tiefster Gehalt, sondern der liebende Mensch, der sein eigner freier Bildner ist, der zum Tier entarten, aber aus seiner Erniedrigung auch wieder als gottähnliches Wesen sich erheben kann, wie ihn Pico della Mirandola feiert und Michelangelo verkündet: 4) Burdach: ebda. S. 146 ff.