Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1925 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 111)
- Language
- German
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m glaubte den tiefen, esoterischen Sinn seiner Lebensanschauung zu erkennen aus Schriften, die in Wahrheit auf dem Boden ganz anderer Schulen erwachsen sind1. Der Einblick in den geschichtlichen Konvergenzprozeß des Hellenismus und des Judentums, der durch solche Umdeutungen natürlich verstärkt wurde, ermöglicht die Lösung der Frage nach dem inneren Verhältnis der griechischen und der jüdischen Bildungselemente in den Systemen der jüdisch-mittelalterlichen Philosophen und der Wechsel- Wirkung, die griechisches und ursprünglich jüdisches Denken hier aufeinander ausgeübt haben. Denn in der Hauptsache ist diese Wechselwirkung natürlieh eklektisch gewesen, genau wie bei Philon. Der Jude lehnt den Atomismus ab, aber auch die Skepsis (zumal die metaphysische und ethische) und — wie wir wissen, im Gegensatz zu Islam und Christentum — radikal asketische Forderungen des Hellenismus. Er spürt also vor allem die religiösen und ethischen Kräfte, die im griechischen Denken wirksam sind, soweit sie seiner eigenen Frömmigkeit entsprechen; in den Gottesbeweisen des Aristoteles und der Stoa sieht er Stützen seiner Glaubenslehre; die Mahnung Platons, das Denken über die niederen Seelenkräfte herrschen zu lassen, und die aristotelische Lehre vom Primat des Geistes werden zu Grundlagen seiner Ethik; die Entwertung des Diesseits zur Scheinwelt im Neuplatonismus rechtfertigt den Jenseitsdrang der Religion und die Verehrung des Uebersinnliehen. Natürlich ist dies Bild des Griechentums einseitig; aber das sind alle Bilder solcher Betrachter gewesen, die nicht als objektive Forscher, sondern als Schüler an Hellas herantraten (bis auf Walter* Otto einschließlich); und es bot unzweifelhaft Raum für die Aufnahme der bedeutendsten derjenigen griechischen Denker, die dem orientalischen Mittelalter gebheben waren. Andererseits veranlaßt die griechische Wissenschaft den philosophisch gebildeten Juden, die aUgemein-menschlichen Begründungen der Religion und die aUgemein-menschlichen Pflichten stark zu betonen. Darin lag keine Einseitigkeit, da man den Offenbarungsglauben festzuhalten, ja, mit hellenistischen Gedankengängen zu begründen wußte2 und selbst ein Rationahst wie Maimuni das 1 Wenn von Arnim, Die drei aristotelischen Ethiken, 70, recht hat, ist sogar einer wichtigen Stelle der Eudemischen Ethik durch Textverderbnis (0eö<; statt voüc:) ein religiöser Sinn gegeben worden. 2 Das gilt sogar, wie sich zeigen läßt, für Jehuda Hallevis Darstellung der Schranken der wissenschaftlichen Religionsforschung.