Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1925 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 110)
- Language
- German
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mit der überaus schwierigen Gabirolfrage behandelt, teils dadurch überbrückt, daß man die Lebensanschauung des Aristoteles nach den religiös und eschatologisch gefärbten, aber dem Mittelalter unbekannten Jugendschriften des Denkers dargestellt hat1. Dieser Anschauung gegenüber wirkt die Feststellung geradezu befreiend, wie stark das jüdische Mittelalter unter den Einfluß einer Frage- Stellung ste|1t, für die weder in den Enneaden (in denen auch nicht jedes Kapitel von Plotin stammt) noch in den Lehrschriften des ,Aristoteles Raum sein kann, und wie wenig das Eigentümliehe der beiden großen Denker, die Selbstbefriedigung des wissenschaftlichen Forschersinnes bei Aristoteles und die Ekstatik Plotins, auf das jüdische Mittelalter gewirkt hat. In dem Strome griechischen Denkens, der sich befruchtend über das mittelalterliehe Judentum ergoß, ist natürlich auch, soweit praktische Ziel- Setzungen in Frage kommen, so mancher Tropfen aristotelischen und plotinischen Ursprungs enthalten; aber mindestens ebenso stark wie die Quellbäche haben die Nebenflüsse gewirkt; insbesondere ist die Bearbeitung unserer Frage durch die Stoa, und zwar durch ihre Hereinziehung der praktischen Forderung, durch ihre Umdeutung der Teleologie und durch die Verbindung der Fragen nach Wesen und Bestimmung des Menschen, von größtem Einfluß auf das jüdische Mittelalter gewesen, so gering auch die unmittelbaren Wirkungen dieser Schule gewiß waren; aber auch die Wendung, die Poseidonios in der Richtung auf die Eschatologie nahm, erscheint aufs neue in ihrer weltgeschichtlichen Tragweite; der Anteil der religiösen Züge des Platonismus und der Volkstümlichen Jenseitshoffnung, auch in ihrer hermetischen Fassung, wird erkennbar. Die außerordentlich hohe Bewertung des Aristoteles bei den Juden des Mittelalters beruht dagegen nur zum kleinen Teil auf der Fortwirkung seiner Lehrschriften, in hohem Maße aber auf einer doppelten Täuschung, an der der Synkretismus des ausgehenden Altertums Schuld trägt: man sah ihn, wie bezüglieh seiner Seelenlehre längst erkannt ist — aber mit der Teleologie steht es ähnlich — durch die Brille seiner ,,Erklärer" und 1 Die Darstellung, die S. H 0 r o v i t z in seinem schönen und gelehrten Vortrag ״Die Stellung des Aristoteles bei den Juden des Mittelalters“ (Leipzig 1911, S. 9) von der religiösen Lebens ans chauung des Aristoteles gibt, beruht wesentlich auf diesen Schriften. Wie weit sich die Lehr- Schriften von der mittelalterlichen Anschauung entfernen, zeigt am besten der vergebliche Versuch mancher katholischer Theologen, Thomas in Ailstateles hineinzudeuten — zuinah wenn er von einem Kenner beider, wie Rolfes (Aristoteles, 1923), unternommen wird.