Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1925 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 107)
- Language
- German
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m Der erste dieser drei Prozesse ist oft dargestellt worden. Insbesondere hat Norden im Agnostos Theos gezeigt, wie die evvota &B0ü, die Erfassung Gottes, zu der — dem Hellenentum ursprünglich fremden — Gnosis geworden ist. Und auch die starke Betonung praktischer Lebensziele neben den theoretischen durch die Stoa mußte die Kluft zwischen der griechischen und der jüdischen Anschauung um so mehr verringern, je mehr z. B. Poseidonios zu religiöser Begründung sittlichen Handelns neigte. Aber auch die biblische דעת י״י, die Erkenntnis als Anerkennung Gottes, konnte ihren schlichten Sinn nicht völlig behaupten. Das religiöse Ideal der nachbiblischen Zeit1 fordert neben dem frommen Tun das Forschen in der Schrift. Gewiß kein methodisch-wissenschaftliches Arbeiten, trotz der Ersetzung anschaulicher biblischer Vorstellungen durch genau formulierte Begriffe, trotz planmäßiger Ableitung der einzelnen Entscheidung durch (streng geregelten) Schriftbeweis und Deduktion aus Rechtsgrundsätzen. Aber außer Frömmigkeit und Sittlichkeit wird nunmehr offenbar ein ganz erhebliches Maß von Gedankenarbeit gefordert; die Seligkeit des Forschens wird, wie in Hellas, so (in anderen Denkformen) auch hier erlebt und religiös gutgeheißen (mag sich die Gutheißung auch mehr auf den Gegenstand als auf die Behandlungsweise beziehen); neben die hellenische Diskussion nach dem Wert der theoretischen und der praktischen Eudaimonie tritt im Talmud die Frage, ob das Forschen oder das Tun den Vorzug verdient2 3. So kam es, daß der — sehr primitive — Rationalismus der Denker des 9. Jahrhunderts® gar nicht als methodisch revolutionär empfunden wurde, vielmehr, wie einst das ״Forschen", so jetzt das methodische Forschen, zumal über religiöse Dinge, geradezu zum Bestandteil der religiösen Lebensaufgabe erhoben wurde. Und wie der Midrasch sich die Patriarchen gar nicht vorstellen kann ohne ״Lehrhäuser“4, so gilt allen Religionsphilosophen des Mittelalters mit einziger be- 1 Ob an einzelnen, namentlich jüngeren Stellen der Bibel an ein Forschen im späteren Sinne gedacht ist, kann hier dahingestellt bleiben. 2 T. Qidd. 40b. 3 Ueber Saadias ״primitiven Rationalismus“ vgl. Max Wieners Aufsätze in der Zeitschrift 1923) דביר). Jn wie weit das Auftauchen religiöser Zweifel in biblischer Zeit der Aufnahme der Philosophie förderlich war (J. Guttmann, Religionsphilosophie des Saadia lf.), ist hier nicht zu erörtern. * Wohlgemuth, Das jüdische Religionsgesetz in jüdischer Beleuchtung II (1919) 75 ff.