Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1925 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 106)
- Language
- German
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90 volkstümlich gewordenen Werke fast auf jeder Seite fromme Nichtjuden anführt, konnte er sich darauf berufen, daß Bibel und Talmud die Nachahmung guter nichtjüdischer Vorbilder ausdrücklich fordern1. Und die verhältnismäßig spät e Einsetzung des Einflusses hellenischer Wissenschaft auf das Judentum wirkte fördernd und hemmend : wohl brauchte kein Raum geschaffen zu werden für die vermittelnde Tätigkeit des fleischgewordenen Logos; aber die Hellenisierung kann hier nicht an die Anfänge der Religion anknüpfen und sich auf das Vorbild anerkannter Kirchenväter berufen; vollkommen neue Wege müssen geschaffen werden2. Und dies gelingt nur infolge eines Wandels auf beiden Seiten, eines Entgegenstrebens beider Kulturen, das hier, soweit es unsere Aufgabe fordert, angedeutet werden!mag. Wohl ging jener Vergeistigung der Lebensideale in Griechenland, die wir einleitend streiften, auch in Israel ein verwandter Prozeß parallel —- wenn man hier den Blick nicht auf überragende Geister, sondern auf das Volk gerichtet hält. Die Wendung findet hier in dem Worte des Propheten ihren Ausdruck: ״Nicht rühme sich der *Kluge seiner Klugheit, der Starke seiner Stärke, der Reiche seines Reichtums“ (Jer 922 f•)• Und in ihrem Gefolge tritt vielfach eine Vergeistigung des Volksbegriffs ein: zum Hellenen oder Juden in vollem Sinne macht eine Veredlung, die von Weisen jeden Stammes zu lernen ist. Aber während die Vergeistigung bei Anaxagoras zum wissenschaftlichen Ideal führt, sind die einzigen Werte, die Jeremia anerkennt, die der S i 11 - lichkeit und Frömmigkeit. Und diese Werte haben mit irgendwelcher Forschung so wenig zu tun wie das Ideal des jungen Aristoteles, das wir kennen, mit irgendwelchem Handeln und — so gewiß er ein religiöser Mensch war — mit Religion. Das Zusammenfließen dieser beiden Ideale zu jener Ziel- Setzung des jüdischen Mittelalters, die sowohl wissenschaftlich, wie religiös, überdies aber stark eschatologisch gefärbt ist, konnte sich nur dadurch vollziehen, daß die griechische Wissenschaft religiöse Züge, die jüdische Frömmigkeit wissenschaftliches Gepräge annahm und auf beide die Eschatologie starken Einfluß gewann. 1 S. 24 ח Stern. 2 Vgl. auch über die Bedeutung der Eigenart der drei Religionen für deren philosophische Darstellung Julius Guttmann in: Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, 1922, S. 180 f.