Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1925 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 98)
- Language
- German
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82 die Erfüllung unserer Bestimmung beizumessen. Nicht genug, daß sich die Idee eines schaffenden Gottes dem Juden, der die Arbeit schätzte, aus demselben Grunde empfahl, aus dem sie dem Griechen und dem Römer anstößig war1: auch das Ritualgesetz weiß Crescas aus dem Sinn des Lebens heraus zu begründen. Das hatten gewiß bereits seine Vorgänger gesucht. In dem Versuch, die geschichtliche Religion bei der Bestimmungslehre zu berücksichtigen, liegt ja die Eigentümlichkeit der mittelalterlichen Lösungen. Und wie seine Vorgänger muß Crescas die Religion nicht in ihrer Erscheinung und in der Fülle ihrer Formen fassen, sondern, wie es ohnehin mittelalterlicher Betrachtungsweise durchaus ent• sprach, einen einheitlichen Sinn dieser Formen (also der Lehren und Gesetze) ansetzeii. Aber diesen Sinn sieht er nicht, wie Bachja, einseitig in der Erziehung fürs Jenseits, — nicht, wie Maimuni, in der Vermittlung reiner metaphysischer Erkenntnis (um nur die am weitesten voneinander entfernten Lösungsversuche zu nennen), sondern im Knüpfen des Liebesbandes zwischen Mensch und Gott. Bei dieser Lösung tritt der zweite der von uns einleitend genannten Gesichtspunkte, der teleologische, insofern zurück, als eine Begründung des Liebessehnens aus der Organisation des Menschen nicht versucht wird. Aber als das mächtigste Streben des Menschen wird das Sehnen nach Vereinigung mit Gott im Diesseits und Jenseits empfunden; seine Verwirklichung bildet unsere Aufgabe; Gott selbst aber ist nicht nur der Gütige, der demgemäß die Menschen zum höchsten Gut führen will, sondern auch — der Stifter der Thora, als deren Zweck die Bildung des Menschen zur, Liebe Gottes und die immer erneute Festigung des Liebesbandes begriffen wird. So erhält für Crescas die geschichtliche Religion eine ganz andere Bedeutung als selbst für Bachja, dessen Bestimmungslehre die Thora kaum berücksichtigt2, geschweige für Maimurii, dem sie nur eine sehr mittelbare Hilfe bedeuten kann. — Und diese doppelte Verwurzelung seiner Gottesvorstellung im Platonismus einerseits, in der Thora andererseits macht es verständlich, daß er sowohl auf die Renaissance3, wie auf das "Judentum hat wirken können; 1 Vgl. Cic. Nat. d. I 52 über den dem Iab0ri08issimu8. 2 Vgl. X ל (Pif 458 St.) über die Unzulänglichkeit eines Pflichtlebens, das sich mit den 613 Geboten begnügt. 8 Der geschichtliche Zusammenhang mit Lehren des Leo Hebraeus über die Bedeutung der Liebe für den Zusammenhang mit Gott und für die Glückseligkeit |B. Z i m m e 1 s, Leo Hebraeus, 88 ff.) und mit Spinoza kann innerhalb dieser Untersuchung auch nicht andeutend verfolgt werden.