Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1925 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 97)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2720904-2721045--096-2726591- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
81 alter geforderten) Einigung mit ihm gelangt er nicht, wie die Rationalisten, auf Grund des Satzes, daß sich Gleiches mit Gleichem (Nus mit Nus) verbindet, noch, wie der Sufi, durch mystisches Einswerden1, sondern durch den wissenschaftlichreligiösen Glauben des Empedokles2 an die verbindende und schaffende Macht der Liebe. So gelangt er zu einer völlig eigenartigen Lösung unseres vielbehandelten Problems. Wir erinnern uns, daß sich Platon zu unserer Frage nie geäußert hatte, ebensowenig der vom Peripatos unbeeinflußte Neuplatonismus. Dagegen greift Crescas, ohne sich freilich davon klare Rechenschaft zu geben, auf Platon zurück und gewinnt dadurch ein doppeltes: erstlich verhilft die Ersetzung des rein intellektualistischen Zentralbegriffes der Metaphysik durch einen stärker voluntaristisch gefärbten dem Weltbilde zu stärkerer Geschlossenheit; zweitens werden von hier aus die wichtigsten religiösen Grundbegriffe wissenschaftlich formulierbar: Gott erscheint notwendig als Persönlichkeit, da das Erkennen auch auf Unpersönliches gehen kann und der Persönlichkeitscharakter des Gottes der Aristoteliker weit stärker verblaßt als diesen selbst bewußt gewesen ist, Liebe dagegen (trotz Spinoza), wenn ich dem Ausdruck und vor allem dem Gefühl nicht stärkste Gewalt antue, notwendig auf Individuelles geht; und zwar erscheint Gott als höchst gütige und dadurch für den Menschen vorbildliche Persönlichkeit; sein Verhältnis zur Welt wird (durch die Ausfüllung der erwähnten Lücke) deutlich erkennbar und dadurch fruchtbar als Grundlage religiöser Dankbarkeit; der Mensch naht ihm, nicht, wie bei Maimuni, von der Studierstube her, sondern aus unmittelbarer Verbundenheit, die sich durch frommes Tun befestigt; an Stelle jener metaphysischen Ersatzreligion, die das System Maimunis — wenn auch nicht seine persönliche Frömmigkeit — beherrschte, tritt die Lebensnähe und Lebensfülle wirklicher Religiosität. Ja, so paradox es klingt, das Zurückgreifen auf den Platonismus, dessen religiöse Motive die neueste Platonforschung erheblich höher einschätzt als es seither, nicht nur in Neukantischer Betrachtung, geschah, verschafft Crescas die Möglichkeit, der geschichtlichen Religion eine weit höhere Bedeutung für 1 Ueber >_י«ד£| Ul (״Ich bin der Wahrhaftige“ Gott): vgl. Massigno n, La passion d’ Al Hallaj 61 u. ö. (s. Register);Nicholson a a. O. S. 14 und 25. a S. S. 75,5.