Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1925 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 80)
- Language
- German
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W wir verständig, und vortrefflich seien1; denn wenn der Mensch kenntnisreich und verständig, aber den Begierden ergeben ist, so ist er in Wahrheit nicht kenntnisreich, da die erste Lehre der Wissenschaft ist, daß man sich körperlichen Genüssen nur soweit ergibt, wie es das Bedürfnis des Körpers erfordert2. So hat auch der Prophet denjenigen getadelt, der sich seiner Weisheit rühmt, aber unfolgsam ist gegen •die Gesetze und der Lust seiner Seele folgt (Jer 88). Aber auch ein Mensch von gottesfürchtigem und mustergültig enthaltsamem Lebenswandel ohne Weisheit ist unvollkommen (wenn auch dem vorerwähnten überlegen), weil sein Handeln nicht auf der Grundlage der Wahrheit und Richtigkeit beruht. Deshalb sagen unsere Weisen3: ״kein Unwissender hat Sündenfurcht" gemäß unserer Erläuterung; und wer von einem Ungebildeten sagt, er sei fromm, widerspricht ־der. deutliehen Entscheidung der Weisen und ebensosehr der Vernunft. Daher finden wir in der Thora das Gebot, daß wir ״sie lehren sollen", und ״daß wir sie üben sollen", unter Voranstellung der Weisung vor der Tat, da man durch die Weisheit zur Tat gelangt, nicht umgekehrt durch die Tat zur Weisheit; dies meinen unsere Weisen mit dem Ausspruch4: Lernen führt zum Tun. — Nun bleibt aber noch eine Frage. Man könnte uns entgegnen: ihr habt gesagt, daß die göttliche Weisheit nichts umsonst geschaffen hat, daß von allen Geschöpfen unter der Mondsphäre der Mensch das Wertvollste ist, daß es endlich der Zweck des Menschen sei, in seiner Seele die Intelligibilien vorzustellen. Warum hat aber dann Gott alle die Menschen geschaffen, die sich kein Intelügibile vorstellen? Und wir sehen doch, daß der größte Teil der Menschen der Weisheit bar den Lüsten nachgeht, während der weise, enthaltsame Mann eine außergewöhnliche Erscheinung und im Laufe vieler Geschlechter nur einmal zu finden ist? Darauf antworten wir: es gibt für deren Existenz zwei Ursachen. Die erste ist, daß sie jenem einen (Weisen) dienen. Denn wenn sich alle Mensehen der Weisheit und der Philosophie ergäben, würde die Welt in kurzer Zeit veröden und die Menschheit aussterben, da der Mensch sehr hilflos ist und vieler Dinge bedarf, daher pflügen, ernten, dreschen, backen und Geschirr anfertigen lernen müßte, um seinen Unterhalt herzustellen . . .; wann sollte also jener 1 S. unten (S. 68, 8). 2 Es folgt ein Hinweis auf die Einl. zu Pirqe Abot, wo freilich stärker als hier vor übertriebener Askese gewarnt wird. 3 Pirqe Abot II 5; nach dem folgenden ist ״kein Ungebildeter fromm“. 4 T. Qidd. 40b.