Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1925 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 37)
- Language
- German
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frage zusammenfällt1 *, ganz im altstoischen Sinn das ״Ziel“ und das höchste Gut eines Wesens mit dem Zwecke gleich, zu dem es so gestaltet wurde8, und sieht dies Ziel für Mensch und Tier in einer Betätigungsform: ״jedes Ding3 ist zu etwas da; das Roß, der Weinstock. Kein Wunder: auch Helios wird dir sagen: ich bin zu etwas da, und so die anderen Götter. Und du — wozu bist du da? Zur Sinnenfreude? Frage dich selbst, ob sich der Gedanke halten läßt!“ Oder noch deutlicher4: ״Morgens, wenn es dir schwer fällt, dich aufzurütteln, halte dir vor Augen ז zu menschlichem Wirken stehe ich auf; kann es mir schwer fallen, an die Aufgaben zu gehen, derentwillen ich geworden, denen zuliebe ich in die Welt eingeführt worden bin? Oder bin ich dazu ausgestaltet, um auf Polstersitzen zu schwelgen? — Aber das macht mehr Vergnügen! — Zum Vergnügen also bist du geschaffen? Also nicht zum Schaffen, zum Wirken? Siehst du nicht die Pflänzchen, die Vögelchen, die Ameisen, die Spinnen, die Ameisen das Ihre tim, um nach Kräften an der Zusammenfügung des Kosmos teilzunehmen: und du willst nicht die Arbeit des Menschen leisten? “ Der ernste, herbe Aktivismus dieser Ethik ist nicht nur von der Freude des Aristoteles an der Theorie, sondern auch von der Religiosität eines Poseidonios weit entfernt; die Himmelsschau hat für einen Ethiker, der in der Sonne wie in der Pflanze nur Vorbilder für unser Handeln sieht, weder wissenschaftliche noch mystische Bedeutud^; resigniert zieht sich der Denker auf das Handeln als die einzige untrügliche Quelle des Glückes zurück — in schroffem Gegensätze zu den Grundströmungen seiner Zeit, die in der Betrachtung des Göttlichen oder in dem Gefühle, von ihm überglänzt und durchflutet zu werden, die Seligkeit zu gewinnen sucht5. Weit stärkeren Widerhall finden diese Zeitströmungen in der astronomischen Literatur6 *. So gibt Manilius am Schluß des IV. Abschnitts seines astronomischen Lehrgedichts (von 1 Selbstbetrachtungen VIII 52 (von Norden angeführt): ״Wer nicht weiß, wozu er geschaffen ist, weiß nicht, wer er ist“; er kehrt also das Verhältnis uml So ist wohl auch die Selbsterkenntnis bei Epiktet 11 10, 1 (vgl. Norden) gemeint. * Ebd. V 16. * Selbstbetr. VIII 19. * Ebd. V 1; ähnlich VIII 12, wo die Uebung ״gemeinnütziger Taten“ (ganz in Poseidonios’ Sinn) als eigentümliche Aufgabe des' Menschen gilt. 5 Ueber diese Strömungen und den Gegensatz des Kaisers zu ihnen vgl. Geffcken, Ausgang des griechisch-römischen Heidentums 33. * Vgl. Bo 11, Neue Jahrbücher, Suppl. XXI, 1894, 146 ff.