Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1925 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
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13 In der Tat hat Chrysipp1 das Recht des Menschen, sich der Tiere zu bedienen, damit begründet, daß die niederen Wesen der Menschen und Götter wegen, diese aber zu wechselseitiger Gemeinschaft da seien. Wenn also der Stoiker den Menschen ״zur Sittlichkeit geschaffen“ dachte2, so mag er nicht nur an unsere Eignung, sondern auch an unsere Bestimmung zum sittlichen Verhalten gedacht haben; und im ״Leben gemäß der Natur“ mochte er — mehr oder minder bewußt — zugleich dem Willen der göttlichen Physis zu entsprechen glauben. So ist denn jene Konvergenz der Metaphysik, der Lebenslehre und der Auffassung vom Menschen, die wir beim jungen Aristoteles trafen, wieder hergestellt, aber auf neuem Boden. Wie der Gott, so findet der Mensch seine Seligkeit nicht nur im Betrachten, sondern auch in einem bestimmten Verhalten. Und wie Chrysipp die Bestimmung des Pferdes offensichtlich aus dessen Eigenart folgert, so anscheinend auch die des Menschen; hatte doch schon Zenon3 in seiner Schrift über die menschliche Natur gelehrt, daß uns die Natur zur Sittlichkeit antreibt, also4 ein sittliches Verhalten unserer menschliehen Eigenart entspricht. War also die ältere Stoa am praktischen Verhalten des Mensehen weit stärker interessiert als Aristoteles, so war doch in ihr für eine quietistische Auffassung Raum (z. B. bei Kleanthes), die aus der bewußten Ergebung in den vemunftdurchwalteten Naturlauf Sicherheit und Beruhigung gewann. Auch das Bekenntnis Chrysipps zur Gemeinschaft der Menschen (s. o.) bedeutet im Zusammenhang nicht mehr, als daß der Mitmensch im Gegensätze zum Tier Rechte hat, die wir achten müssen. Die Mittelstoa dagegen geht — unter dem Einfluß von Veränderungen, die hier nicht nochmals dargestellt werden sollen5 — zu einem entschiedenen Aktivismus über und verhilft ihm auch in ihren Bestimmungsformeln zur Geltung. Zwar war ihr Begründer, Panaitios (starb um 110), kein Metaphysiker im Sinn der älteren Schule: wenn er ebensowenig wie diese an unkörperliehe Götter glaubte, so lehnte er es mit aller Entschiedenheit ab, die Physis des Aristoteles, an die auch er anknüpfte, mit den 1 St. V. Fr. III 371 Gic. Fin. III 67. * St. V. Fr. I 186; III 214, 216. 8 St. V. Fr. I 179 (Parallelen in Adlers Index S. 17 unten). 4 Hirzel , Untersuchungen zu Ciceros philos. Schriften II 108. 5Heinemann, Poseidonios’ metaphysische Schriften I 3 ff. und (zum folgenden) 26 ff.