Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1925 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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12 anders faßte als Aristoteles. Die immanente Teleologie konnte den Häuptern der alten Schule (nur von diesen ist zunächst die Rede) nicht Zusagen, die am Leben als solchem völlig uninteressiert waren und den Fragen der Biologie keine ihrer zahl- und umfangreichen Schriften gewidmet haben. Sie stellen den Menschen — wie er im Mittelpunkte ihres Interesses stand, so in den Mittelpunkt der Natur. Und hier stehen wir am Anfang einer Entwicklung, die erst im Mittelalter ihre Vollendung erreicht.' Hatte schon Theophrast die anthropozentrische Teleologie neben der immanenten berechtigt gefunden1 und einer seiner Nachfolger2 *, an jene vereinzelte Aeußerung der aristotelischen Politik änknüpfend, den Zweck der Pflanzen in der Ernährung der Tiere und Menschen gesehen, so ist nach Chrysipp8 alles Untermenschliche um des Menschen wegen da — die Raubtiere, die Wanzen und die Mäuse eingeschlossen. Dieser transszendenten Teleologie muß natürlich die Frage, wozu denn der Mensch da ist, zum Problem werden; und Chrysipps Antwort ist uns glücklicherweise erhalten. ״Wie die Hülle für den Schild, die Scheide für das Schwert, so ist alles in der Welt außer dem Kosmos selbst anderer wegen da: die Pflanzen der Tiere wegen, die Tiere des Menschen* wegen — das Pferd zum Reiten, das Rind zum Pflügen, der Hund zum Jagen und Bewachen —, der Mensch selbst aber zur Betrachtung und Nachahmung des Kosmos; er ist (also) keineswegs vollkommen, sondern nur Teil eines vollkommenen Ganzen4 * * *״. Indem hier der Mikrokosmos zur Nachahmung (der Wohl- Ordnung) des Makrokosmos berufen wird, tritt neben die theoretische Bestimmung der aristotelischen Lehre eine praktische. 1 De caus. plant. IV 4, 1. 2 Pseudo-Arist. De plantis I 2 817 b 25. * Stoic. vet. fragm. II 1152 ff. — Daß ״die weitere Ausbildung der teleologischen Naturbetrachtung“ zu den Ursachen gehörte, die einer mehr persönlichen Fassung des Gottesbegriffes in der Stoa Vorschub leisteten und dadurch zu einer Annäherung ihres Pantheismus an den jüdischen Gottesbegriff führten, betont Wendland, Philos Schrift über die Vorsehung 51, 2. 4 Cic. Nat. d. II 37. Allerdings ist gerade für die uns angehenden Worte Chrysippos nicht ausdrücklich als Quelle bezeugt; daher beschränkt von Arnim (St, V.Fr. II1153) das Zitat auf das Vorhergehende. Da aber auch im folgenden § 38 Chrysipp wieder angeführt wird und der Zusammenhang tadellos ist, so wird man um so eher an ein Weitergehen des (mittelbaren) Zitates glauben dürfen, da, wie sich sofort zeigen wird, auch innere Gründe für das Vorhandensein einer altstoischen Bestimmungslehre sprechen.