Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1925 (1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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9 Aber auch wenn man in jung-akademischen Kreisen die eigene Fragestellung in die Vergangenheit projiziert hätte, so würde das nichts an der Tatsache ändern, daß im Schülerkreise des alternden Platon die Frage nach der Bestimmung des Menschen erstmalig auftaucht, und zwar in Anknüpfung an die Lebensanschauung und Lebensarbeit des Anaxagoras. Von hier aus wird der Sinn der Frage und die Eigenart der Antwort erkennbar. Von den drei Wegen, die zur Lösung des Bestimmungsproblems führen, wird zunächst der zweite und der dritte (also der teleologische und der metaphysische) beschritten, und zwar beide gleichzeitig. ״Gott und Natur“ schaffen, wie der Nus des Anaxagoras, zielstrebig, ordnend — als Vorbild menschlicher Ordnungstätigkeit; wer also den Organismus betrachtet, gelangt zum Verständnis des Organisators und seiner Absicht. Hatte Platon bemängelt, daß Anaxagoras das Prinzip der Teleologie nicht im einzelnen durchgeführt hatte, so gibt ihm Aristoteles recht* 1 und versucht schon als Jüngling das Recht des Prinzips, das ihm offenbar an unserer Stelle der Verteidigung noch durchaus bedürftig scheint, durch die Aufdeckung seiner Fruchtbarkeit zu erweisen. Wie beim Werk der menschlichen Techne aus dem letzten, was der Künstler schafft, der Zweck erkennbar ist, so auch beim Menschen: das letzte, was in ihm entsteht, ist der Nus; also ist sein Zweck das Denken. — In diesem Ergebnis aber trifft die teleologisch-metaphysische Betrachtung mit der et hisehen Ueberzeugung zusammen: dem Glauben an das Ideal des theoretischen Lebens2, das seit Thaies mit den alten militärischen, politischen und materiellen Idealen in Wettbewerb trat und gleichfalls in der Nus-Idee des Anaxagoras einen metaphysischen Reflex gefunden hatte. So gipfelt das Weltgemacht, in deren Anfang Pythagoras als Vorläufer des Sokrates und Platon genannt wird. Er glaubt S. 6, daß Aristoteles in der sehr frühen Zeit, aus welcher die Große Ethik stammt, die Unechtheit zahlreicher pythagoreischer Schriften noch nicht erkannt habe. Von hier aus erklärt sich gut, weshalb Pythagoras in der Eudemischen Ethik nicht nochmals erwähnt wird. Mit der Möglichkeit einer Ueberarbeitung des Protreptikos durch Jamblichos ist aber nach wie vor zu rechnen, s. u. S. 25.] 1 Arist. Met. 985 a 18. Wieweit er an Diogenes von Apollonia und Xenophon anknüpft (T h e i 1 e r, Zur Geschichte der teleologischen Naturbetrachtung bis auf Aristoteles, Zürich 1925), kann hier unerörtert bleiben. 2 Ueber Sinn und Verbreitung des ßt'o<; ü6ü>pr]Ttxo<; handelt B o 11 s schöne Festrede Vita contemplativa, Heidelberg 1920, der auch im folgenden Einzelheiten entnommen sind.