Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 108)
- Language
- German
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94 Weltgrundes und absoluten Weltzwecks darstellt, das dem sittlichem Bewußtsein Beruhigung über den Sinn des Weltgeschehens gibt. Die konkreten religiösen Vorstellungen sind symbolische Verkörperungen dieser Vernunft ideen, denen eine nur pädagogische Bedeutung der größeren Wirksamkeit der Vernunftideen in der Hülle dieser Symbole zukommt. Jede über diese pädagogische Bedeutung hinausgehende ist Rückfall in Aberglauben und Zauberkult. Bei der großen Uebereinstimmung der Wundfschen mit der Spencer'schen Religionspsychologie haben wir nur darauf zu verweisen, daß, wie Spencer so auch Wundt die seelische Eigenart des religiösen Bewußtseins gänzlich verkennt, wenn er es mit der mythologischen Apperzeption identifiziert. Denn gerade nicht in den in der Tat mit den Mythen vielfach gleichen Vorstellungsinha 11en, sondern in der eigenartigen religiösen Ergriffenheit, welche von den religiösen Objekten ausgelöst wird, entfaltet sich vielfach an zunächst mythologischen Gebilden die rätselhafte religiöse Reaktion der Seele, die von der künstlerischen, wissenschaftlichen und selbst sittlichen Stellungnahme wesenhaft verschieden ist. Daß aber in dieser religiösen Ergriffenheit sich #die Seele nicht bloß selbst fühlt und ihre eigenartige Erregung genießt, sondern einem Objekt gegenübersteht, das sie selbst in jenen bizarren Objekten der primitiven Religiosität als Realität des Heiligen erlebt, bedeutet, daß die Seele bereits in diesem Stammeln auszusprechen und zu gestalten sucht, was sie als tiefste, als göttliche Wirklichkeit erfahren hat. Wie der Fortschritt der Kunst und des sittlichen Bewußtseins,, besteht auch die E n t w i ck 1 u n g des religiösen Bewußtseins in dem Erstarken ihrer Eigenart, das ist in dem reineren Erfassen der in dem religiösen Bewußtsein offenbar werdenden Tiefe und Herrlidikeit Gottes. Dann aber ist auch der Kultus nicht bloß eine symbolische Darstellung von Vernunftideen, die nur die Wahrheit von Postulaten haben sollen, sondern der heilige Kreis, in dem die Gegenwart Gottes stärker erlebt wird, und der Weg der Seele zur Gottesnähe. Dieser Weg aber ist so verschieden, wie die Menschenseelen, die ihn schreiten. Darum werden die geschichtlichen Religionen nie ihre Vorstellungen und Kulte nur als Symbole abstrakter Vernunftwahrheiten oder Postulate anerkennen. Wohl besteht ein Zusammenhang zwischen religiöser und wissenschaftlicher Wahrheit, aber nicht so, daß die Religion nur die Symbolisierung wissenschaftlicher Ideen zu vollziehen hat, um diese pädagogisch wirksam zu machen. Sondern die Religion ist das Gefühl für die Goiterfülltheit der