Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 107)
- Language
- German
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93 Am weitesten verläßt Wundt die empirischen Grundlagen seiner Psychologie in seiner Aesthetik. So lehnt er nicht nur die subjektiv - hedonistische Begründung der Aesthetik, die wir bei Spencer kennengelernt haben, ab, sondern sieht auch in der formalistischen Aesthetik nur eine verfeinerte Hedonistik, die obendrein gerade die bedeutendste Wirkung des Schönen durch Ausschaltung aller geistigen Inhalte negiert. Und ebenso erkennt er in der intellektualistischen Aesthetik, die das Schöne zur sinnlichen Erkenntnis erniedrigt, eine Beeinträchtigung ihres autonomen Wertes. Mit voljer Klarheit erkennt Wundt den tiefen Lebensgehali der Kunst und ihr eigenes Geseß der Verklärung der rohen Wirklichkeit zur Anschauung der idealen Wirk- 1 i c h k e i t als ihr eigenstes Wesen. Wie aber vermag der ruhelose Strom seelischen Geschehens sich subjektiv zu einer konzentrierten Anschauung des Objekts zu vertiefen, wie sie das Wesen der künstlerischen Anschauung ist, und wie vermag der idealen Wirklichkeit eine Lebensbedeutung zuzukommen, wenn diese doch zu der Wissenschaftliehen Einsicht in den heterogenetischen Ablauf des geschichtlichen Lebens, geschweige in den mechanischen Ablauf des natürlichen Geschehens in Gegensah steht! Gewiß wird sich der Künstler durch die Wissenschaft nicht in seinen künstlerischen Intuitionen beirren lassen, obwohl Wundt selbst hervorhebt, daß die wissenschaftlichen Ideen auch den Künstler in seiner idealen Darstellung der Wirklichkeit beeinflussen. Aber wie vermag Wundt die künstlerische Beirachtung der Wirklichkeit als eine Ergänzung und nicht vielmehr als den Widerspruch zur wissenschaftlichen Betrachtung anzusehen? Daß auch die Metaphysik der Monaden nicht ein Gegenstück zu der künstlerischen Weltansicht der idealen Wirklichkeit ist, haben wir bereits oben dargelegi, indem jene Monaden ebenso abstrakte Begriffe sind wie der WundFsche Seelenbegriff. So sieht die Wundfsehe Psychologie auch hier seiner idealistischen Kunstphilosophie entgegen. Hingegen vollzieht sich seine Religionsphilosophie ganz in dem Geleise der von Spencer her bekannten inteliekiualistisehen Assoziationspsychologie. Aus mythologischerApperz e p t i o n gehen die Vorstellungen der Totengeisier, der Dämonen, des Fetischs, des Totemiieres, die Ahnen- und Heroenverehrung, die Göitervorstellung, Polytheismus und Monotheismus hervor, bis in der Idee des Uebersinnlichen die reifste Form der religiösen Vor- Stellung gewonnen wird. Diese Vorstellung hat philosophische Wahrheit, weil sie das vernunffnotwendige Postulat eines absoluten