Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 106)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2720904-2721047--105-2726490- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
92 kenninis des Zusammenhanges des seelischen Lebens, die keine abstrakte Willenstätigkeit kennt, nicht gerecht zu werden vermag. Die Unzulänglichkeit des Prinzips der Heterogonie der Zweckq für die Begründung einer auionomen Ethik haben wir genügend beleuchtet. Es bleibt über, den Einwänden WundFs gegen eine intuitive Ethik zu begegnen: Hier nun muß anerkannt werden, daß die Kan tische Ethik mit ihrem Herausspinnen aller inhaltlichen ethischen Urteile aus einem formalen Imperativ der Selbstgeseßgebung in der Tat dem Wandel des sittlichen Bewußtseins nicht gerecht zu werden vermag. Ist das sittliche Bewußtsein ein Kanon der reinen Vernunft, dann ist dieser der Geschichte transzendent, wie die Vernunft selbst. Es ist aber nicht nötig, die Kantische Form der intuitiven Ethik für die einzige Form intuitiver sittlicher Erkenntnis anzusehen. Sondern es ist nicht nur möglich, sondern wirklich, daß das sittliche Bewußtsein nicht ein fertiger Kanon reiner Begriffe, sondern die im Ringen mit den Inhalten des geschichtlichen Lebens sich stets von neuem vollziehende Entscheidung des sittlichen Bewußt״׳ seins ist, die wie alle lefeten Wertentscheidungen freie und zugleich intuitive Entscheidungen der Seele sind. Die Wahrheit dieser Ent״׳ Scheidungen ist nicht beweisbar und doch zugleich die tiefste Gewißheit allen Wissens. Und diese Gewißheit wird nicht erschüttert, sondern nur individualisiert und differenziert durch die Einsicht in die verschiedenen Moralen, die in den verschiedenen Kulturen der Geschichte deren Fundament bilden. Aus der Kraft unserer durch die Kulturgehalte der Weltgeschichte nicht relativierten, sondern vertieften Werterkenntnis fällen wir unser sittliches Urteil nicht allein über unser Sein, sondern auch über die Ideale der Vergangenheit. In diesem Urteil liegt Sicherheit und Demut, denn auch unser sitt״׳ liches Urteil ist ein Moment in der sittlichenGeschichte der Menschheit, die Erhebung unseres individuellen Lebens zu der uns nach unseren Kräften der Einsicht und des Willens möglichen Wahrheit und Ewigkeit des Wertes. Da aber diese Entscheidung dann nicht eine abstrakte Ent- Scheidung des geschichtslosen Willens, sondern die tiefste Auseinanderseßung mit der konkreten Fülle des Sturmes und Dranges in unserer Seele und in unserer Zeit ist, steht diese intuitive Erkenntnis des Guten auch nicht in Widerspruch zu der psychologischen Erkenntnis des konkreten Zusammenhanges aller seelischen Kräfte. Nur handelt es sich wahrhaft um einen Zusammenhang seelischer Kräfte und nicht einen passiven Ablauf von Verschmelzungs- Prozessen der Bewußtseinsinhalte.