Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 103)
- Language
- German
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89 ihrer Verschmelzung unterliegen, so unerkennbar, weil nicht vorhanden, ein Ziel dieser psychischen Entwicklung ist, so vermag auch kein Produkt dieses Geschehens einen höheren Rang über irgend einem anderen Produkt dieses selben Geschehens für sich in An- Spruch zu nehmen. Die Konsequenz des Naturalismus in der psychologischen Grundlegung der Geschichtsphilosophie ist nicht, wie Wundt möchte, der Kulturidealismus, sondern die Verneinung des die Geschichte allein mit Sinn erfüllenden Kulturwillens, der die frei schaffende menschliche Persönlichkeit, die Freiheit des schöpferischen Lebens der Seele zur Vorausseßung hat. Ohne schöpferische Freiheit als eigengeseßliches Leben der Seele keine Autonomie der Kultur, kein Wert und Sinn der Geschichte. Dieser Gegensaß von Leugnung der psychologischen Vorausseßungen einer idealistischen Kulturphilosophie bei gleichzeitiger Anerkennung der Werte als autonomer Schöpfung des Geistes gibt der Wundfschen Wertphilosophie ihr eigenartiges Gepräge: So ist das Denken einmal kein besonderes Geschehen neben den Vorstellungen, Gefühlen und Willensakten, die ein untrennbares Ganze des seelischen Zusammenhanges bilden, und ist das Ich nur die abstraktiv von den alle Bewußtseinsinhalte begleitenden Tätigkeitsgefühlen gewonnene Vorstellung des Willens als des abstrakten Wesens des Ich und betätigt sich andererseits das I c h im Denken in selbstbewußter Tätigkeit der Beziehung der Vorstellungen aufeinander, ihrer Vergleichung, Erkenntnis ihrer Gleichheit und Verschiedenheit nach logischen Normen, die in den Säßen der Identität, des Widerspruchs, des ausgeschlossenen Dritten formuliert werden. Wird so das Ich Subjekt der apperzeptiven Prozesse des Urteilens und Schließens, so nimmt es die bloß assoziativen Zusammenhänge der Vorstellungen in seinen Dienst und erhebt sich zu logischen Begriffszusammenhängen, die gemäß dem Saß vom Grunde zur logischen Einheit eines Gesamtbegriffs vereinigt werden. Ist aber einmal das Denken! dem Zwang des bloß mechanischen Vorstellungsablaufs entronnen, und hat es seine Selbständigkeit gewonnen, so wagt es sich aus dem Gebiet der bloßen logischen Vereinigung von Vorstellungen in die Welt der Erfahrung und unterstellt auch diese der Herrschaft seiner logischen Normen. Und nun baut es über die unmittelbare Erfahrung das System der naturwissenschaftlichen und psychologischen Begriffe, durch welche die Erfahrung in widerspruchsloser Einheit erkannt werden soll, ja überwindet es die Unzulänglichkeit aller nie abgeschlossenen Erfahrungserkenntnis und die Gegensäße der naturwissenschaftlichen