Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 99)
- Language
- German
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85 Bleibt also Wundt insoweit grundsäßlich den m e c h a - nistisehen Prinzipien der Naturerklärung treu, so glaubt er allerdings für das Problem der Entwicklung der Arten mit den mechanistischen Prinzipien des Darwinismus nicht auskommen zu können, und sieht sich genötigt, insbesondere die Vererbung erworbener Eigenschaften anzuerkennen, und damit psychische Kräfte der Lamarckistischen aktiven Anpassung an die Lebensbedingungen als wesentlichen Faktor des organischen Geschehens einzuführen. Damit aber hat Wundt prinzipiell seinen Standpunkt der rein physikalisch-chemischen Erkenntnis der Natur verlassen. Wie für Spencer, ist für Wundt die Biologie das Feld, auf dem die mechanische Naturerklärung nicht nur vorläufig, sondern grundsäßlich von den eigentümlichen Erscheinungen des Lebens zur Aufgabe ihrer Alleinherrschaft genötigt wird. Dabei wollen wir an dieser Stelle nicht wiederholen, was wir in der Abhandlung über den ״Begriff des Lebens“ über die Unmöglichkeit einer mechanistischen Erklärung der Probleme der Ontogenese dargelegt haben. Hoffnungslos aber sind die Widersprüche, in die die Wundtsehe Psychologie bei dem Bemühen gerät, eine mechanistische Interpretation der psychischen Phänomene mit der objektiven Anerkennung der zu erklärenden Phänomene zu vereinigen. Gerade weil Wundt der Begründer und Meister der physiologischen Psychologie ist, ist es von exemplarischer Bedeutung, sein Ringen um eine mechanistische Begründung der Psychologie zu verfolgen. Auch hier übertrifft Wundt wieder bei weitem alles, was vor ihm auf dem Wege der Assoziaiionspsychologie geleistet worden ist. Ja er erkennt die Unzulänglichkeit der Assoziationspsychologie mit ihrer intellektualistischen Umdeutung der Bewußtseins- Vorgänge in Assoziationen von Vorstellungen selbst an, betont aufs stärkste den voluntaristisehen Charakter des seelischen Geschehens. Da aber doch wieder die Seele, das Ich, das Wollen, Fühlen, Denken keine selbständigen Kräfte außerhalb der Bewußtseinsinhalte sein sollen und dürfen, wenn eine naturwissenschaftliche, d. h. mechanistische Erklärung des Geschehens gewonnen werden soll, so müssen es die Bewußtseinsi n h a 11 e allein sein, deren Kommen und Gehen in ihren naturgesefelichen Zusammenhängen das seelische Geschehen konstituieren. Soll nun aber andererseits der voluntaristische Charakter des seelischen Geschehens und damit seine Einheit gewahrt werden, so sieht sich Wundt doch wieder genötigt, die Tätig-