Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 98)
- Language
- German
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84 geschulten Klarheit der Einsicht in die logisdien Motive der naturwissenschaftlichen Begriffsbildting spricht es Wundt aus, da& die allgemeinsten Naturgeseize nicht Erfahrungssähe, sondern abstrakte Vorstellungen sind, die wir unter der Einwirkung bestimmter logischer Motive der Interpretation der Erfahrung zugrunde legen. Weil aber diese Prinzipien logisch-mathematische sind, lehnt es Wundt in seiner Kosmologie ab, eine mit diesen Begriffen keineswegs gegebene teleologische Betrachtungsart in die Natur hineinzutragen. In der vollen Erkenntnis, da& die Begriffe der Welteinheit und der Entwicklung nur unter der Voraussetzung eines innerlich geistigen Zusammenhanges des Universums und der Ursächlichkeit willensartiger Kräfte objektive Bedeutung erhalten können, zögert er nicht, im Gegensafe zu Spencer, die Anwendung des Entwicklungsbegriffes auf eine mechanisch erkannte Natur als unzutreffendes Bild des Geschehens zu bezeichnen. Weil aber der ganze Bereich des physikalischen Geschehens in der einheitlichen Methode der physikalisch-chemischen Natur- Wissenschaft erkannt werden soll, lehnt Wundt auch für die Bio- 1 o g i e andere als physikalisch-chemische Prinzipien der Erkenntnis der organischen Natur grundsätzlich ab. In einer wiederum den geschulten naturwissenschaftlichen Fachmann verratenden Weise werden die Probleme der Entstehung des Lebens in ihrer entscheidenden Fragestellung erörtert, die Urzeugung als physikalisch-chemischer Prozeß angenommen, die fortdauernden organischen Vorgänge der Selbsierhaltung, des Wachstums, der Fortpflanzung mit Zuhilfenahme der chemischen Analogie katalytisch wirkender Fermente dargestellt. Da sich aber Wundt der Unzulänglichkeit der bisher gewönnenen physikalisch-chemischen Einsicht in die Lebensvorgänge bewu&t ist, die bisher nur den äußeren Verlauf, nicht aber die Eiemente des Geschehens in ihren ursächlichen Zusammenhang zu erfassen vermochte, erkennt Wundt nicht allein die Möglichkeit, sondern auch die Notwendigkeit einer Ergänzung der physikalisch-chemischen Betrachlungsart durch die physiologische und selbst die psychologische Betrachtungsari derselben Erscheinungen an, legiere allerdings nur da, wo die Erscheinungen uns eine psychische Seite zwingend darbieten. Doch soll diese physiologische und psychologische Interpretation nur solange die Lücke der fehlenden physikalisch-chemischen Erklärung ausfüllen, bis diese, was das nicht aufzugebende Ziel der Forschung bleibt, gewonnen ist.