Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 96)
- Language
- German
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82 Für die Philosophie kann es nur eine Vernunftreligiön׳ geben, die von den besonderen Voraussetzungen, von denen die. einzelnen positiven Religionen ihren religiösen Glauben abhängig machen, absieht. Wird aber das Wesen d£r Welt als Entwicklung des Geistes geseßt, so besteht der Wert der Idee des Uebersinnliehen für die transzendente Ergänzung des empirischen Weltverlaufs gerade darin, daß solche Ergänzung zu Ideen führt, die zugleich die Bedeutung praktischer Ideale haben. Die praktischen Ideale sind sittliche, solange sie sich auf Ziele beziehen״ die menschlichem Streben erreichbar sind, oder als solche vorgestellt werden. Die Ideale sind religiöse, sobald sie über diese Ziele hinausgehen und teils als lefeter absoluter Zweck, dem sich das uns vorgesefete sittliche Menschheitsideal unterordnef, teils als leßter absoluter Grund zu jenen Zwecken von uns gedacht werden. So stellen die Ideen des absoluten Weltgrundes und des absoluten Weltzwecks den notwendigen metaphysischen Abschluß der psychologischen und ontologischen Ideenentwicklung und die notwendige Ergänzung zu dem aller Entwicklung der empirischen Sittlichkeit zugrunde zu legenden sittlichen Ideal dar. (Syst. d. Philos. II S. 244 ff.) Diese Abstraktionen der religiösen Ideen aber befriedigen nicht das religiöse Gemüt. So verkörpern sich ihm die allgemeinen Ideen eines Weltgrundes und eines Weltzwecks in konkreten Glaubensvorstellungen über Gott und über den Zweck des eigenen Daseins, wie dem aller Dinge. Zugleich hat diese Verkörperung noch die besondere Bedeutung, daß nur in ihr die religiösen Ideen jene sittlichen Wirkungen ausüben können, die auf ihrem unmittelbaren Zusammenhang mit dem sittlichen Lebensideal beruht. Damit aber diese konkreten religiösen Ideale auch noch vor dem gereiften, der mythologischen Stufe des Denkens entwachsenen Bewußtsein geglaubt werden können, müssen sie geschichtliche Persönlichkeiten sein. Damit ist nicht gesagt, daß der wirkliche Charakter einer solchen Persönlichkeit dem Bilde, das wir von ihm in uns tragen, entsprechen muß. Sondern die religiöse Persönlichkeit, die durch die mythenbildende Phantasie den Bedingungen der Wirklichkeit entrückt wird, und in der jede Zeit und jede Stufe des religiösen Bedürfnisses ihr eigenes Ideal verwirklicht sieht, wandelt sich unablässig, und sie spiegelt sich nicht nur in jeder der Glaubensformen, die aus ihr entspringen, sondern beinahe in jedem einzelnen Bewußtsein, wieder in anderem Lichte. Durch jene Beziehung auf eine Persönlichkeit, die der Geschichte ihre Wirklichkeit und der in der Zeit gereiften religiösen