Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 93)
- Language
- German
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79 ästhetischen Anschauung erklärt werden könne. Noch weniger entspricht diese Auffassung der tatsächlichen Bedeutung, die der Kunst im Leben zukommt. Wäre wirklich das Schöne nichts als eine niedere oder sinnlich verhüllte Form des Vernünftigen, so mühte ja die reine, also begriffsmäßige Gestaltung des leßteren, welche die Philosophie zu gewinnen sucht, ungleich mächtiger das Gemüt ergreifen. (Syst. d. Philos. II S. 259.) Nahe verwandt der logischen Theorie sind jene Auffassungen, die ausschließlich in der Darstellung sittlicher oder re 1 igiöser Ideen die Aufgabe der Kunst erblichen. Der Mangel dieser Auffassung des Schönen besteht darin, daß nach ihr das Schöne überhaupt keinen selbständigen Wert hat. Aber ein Kern von Wahrheit ist in diesen idealistischen Theorien doch enthalten. Erstens ist es unleugbar, daß die ästhetische Anschauung deshalb, weil ihr die abstrakt logische Gedankenform fernliegt, doch keineswegs des Gedankeninhalts überhaupt entbehrt. Aber dieser Gedankeninhalt ist kein verhüllter, dunkel bewußter, der erst der Ueberführung in die begriffliche Form bedarf, um zum wirklichen Denken erhoben zu werden, sondern er ist ein in der Anschauung selbst gelegener. Die Kunst ist nicht Vorstufe, sondern Ergänzung der Wissenschaft. Diese will das Leben begreifen, die Kunst will es d a r s t e 11 e n. So arbeitet die Wissenschaft mit Begriffen und abstrakten Ideen, die Kunst mit Anschauung. Aber Anschauung und Begriff gehören zusammen und ist darum jeder wahre Künstler zugleich ein Denker, wie der echte Denker der Phantasie nicht entraten kann. Darstellung, nicht Abbildung des wirklichen Lebens ist die Aufgabe der Kunst. Die Darstellung unterscheidet sich von der Abbildung eben dadurch, daß zwischen der Wirklichkeit und dem Bilde der künstlerische Genius das vermittelnde Medium ist. Er formt das Bild nach seinen Ideen, so also, daß es zwar die volle Lebendigkeit des wirklichen Lebens nicht entbehren, daß es aber stets diese Wirklichkeit im Lichte der gestaltenden Ideen erscheinen lasse. (Syst, d Philos. II S. 261.) Dies führt zu dem zweiten Punkte, der dem ästhetischen Idealismus ein unbestreitbares Recht verleiht gegenüber anderen, sei es rein formalistischen, sei es hedonistischen Anschauungen. Der Gegenstand der künstlerischen Anschauung ist nicht die gemeine, sondern die ideale Wirklichkeit. Diese Aufgabe liegt unmittelbar darin ausgesprochen, daß das Kunstwerk nicht bloß abbildet, sondern darstellt, d. h. die Wirklichkeit so wieder-