Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 91)
- Language
- German
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77 kunft die Verbindung der Kunst mit Religion und Sitte nicht gelöst werden, sondern diese Verbindung nur reicher und tiefer werden, indem auch hier die egoistischen Motive durch die allgemein menschlichen zuriickgedrängt werden. Wenn wir dem ästhetischem Gegenstand einen in ihm selbst liegenden Wert beimessen, so bedeutet dies, daß dieser Wert auf objektiven, also nicht bloß zufälligen subjektiven Stimmungen, sondern auch von unserem eigenen Wohlgefallen unabhängigen Bedingungen beruhe. Das Wohlgefallen kann wohl als subjektives M a 6 dieses Wertes angesehen, nicht aber mit ihm selbst verwechselt werden. Eben hier liegt der Fehler einer bloß subjektiven Bestimmung des Wesens der ästhetischen Anschauung, daß sie, verwandt der analogen eudämonistisdien Beurteilung der sitiliehen Erscheinungen, jenes Maß für die Sache selbst nimmt. Das geschieht in der Tat auch bei Kant, wenn er den eigentlichen Grund des ästhetischen Urteils nicht in dem Gegenstand, sondern erst in der Uebereinsfimmung desselben mit unserem Auffassungsvermögen erblickt. Das metaphysische Problem der Aesthetik bezieht sich daher nicht auf die subjektiven Eigenschaften, die in uns vorhanden sein müssen, damit Gegenstände außer uns ästhetisches Gefallen erzeugen können, sondern die Hauptfrage lautet umgekehrt: welche Eigenschaften müssen die Gegenstände haben, um in uns ästhetische Wirkungen hervorzurufen? Unter den ästhetischen Theorien müssen die heteronomen Theorien von efen autonomen geschieden werden. Die heteronomen Theorien legen den Wert des Aesthetischen in ein sinnlich Angenehmes oder ein logisch Vernunftgemäßes. So sei es das Wesen der Kunst, Vergnügen zu bereiten, und um dieses Vergnügen von dem bloß sinnlichen zu unterscheiden, seien es die Lustgefühle bei den Wahrnehmungen der höheren Sinne, die durch eine Vielheit wohlgeordneter Eindrücke erregt werden, die das Wesen des Schönen seien. Diese Auffassung führt also von selbst dazu, daß man in den formalen Eigenschaften des Gegen- Standes die Grundbedingung der ästhetischen Wirkung sieht. Auf diese Weise hat sich aus der sensualistischen Theorie der alten Schule die neue formalistische Theorie entwickelt, ln vielen ihrer Vertreter hat zwar diese die Rückbeziehung auf das sinnlich Angenehme abgelehnt. Aber ihrem Wesen nach bleiben doch jene formalen Bedingungen, wie Harmonie und Rhythmus, Symmetrie und proportionale Gliederung der Gestalten, nur ein sinnlieh Angenehmes höherer Stufe, für dessen Trennung von den lusf-