Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 90)
- Language
- German
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76 zwei soziale Zwecke als die nächsten Gegenstände des sittlichen Wollens übrig: die öffentliche Wohlfahrt und der allgemeine Fortschritt. Aber auch sie bedeuten nicht Selbstzwecke, sondern Mittel zur Erreichung des sittlichen Zwecks, dem die Erhaltung der Menschheit zu dienen hat. Solche leßte Zwecke können nur in der Hervorbringung geistiger Schöpfungen bestehen, an denen zwar das Einzelbewußtsein teilnimmt, deren Zweckobjekt aber nicht der einzelne, sondern der allgemeine Geist der Menschheit ist. Diese geistigen Schöpfungen bilden die gesamte geistige Kultur der jeweiligen Gegenwart. Aus ihr gehen die idealen Schöpfungen der Zukunft hervor. Die Idee der Humanität, dereinst in den Gestalfungen persönlichen Wohlwollens mehr instinktiv geübt als klar erfaßt, hat sich erst in dem Bewußtsein eines geistigen Gesamtlebens der Menschheit ihr eigentliches Objekt geschaffen. Diese Idee hat damit einen nie zu erschöpfenden Inhalt, indem auch hier jede Lösung geistiger Aufgaben der Zukunft neue Aufgaben entgegenbringt. Aber auch die höchsten humanen Zwecke werden erst dann zu sittlichen Aufgaben, wenn sie um ihrer selbst willen erstrebt werden. (Ethik III S. 86 ff.) 3. Kunst. Mitten zwischen dem theoretischen Erkennen und dem praktischen Handeln liegt die ästhetische Anschauung als ein mit jenen beiden eng verbundenes Gebiet geistigen Lebens. Doch verhält sich die ästhetische Anschauung weder reflektierend noch reagierend, sondern rein betrachtend: sie will das Objekt weder erkennen noch verändern, sondern nur anschauen. Die psychologische Entwicklungsgeschichte der Kunst zeigt nun, daß es sich mit den ästhetischen Idealen nicht anders verhält, als wie mit den sittlichen Idealen. Sie seßen eine Zweckmetamorphose voraus, die auf den frühesten Stufen wohl Keime und Anlagen zur Entstehung ästhetischer Schöpfungen, aber noch nicht diese selbst als ein für sich bestehendes Gebiet menschlichen Strebens und Genießens erkennen läßt. Daß ein Kunstwerk seinen Zweck in sich selbst trage, diese Anschauung ist die 1 e ß t e der vielen Stufen, die die ästhetische Entwicklung durchlaufen hat, und sie ist weder zur allgemeingültigen geworden, noch wird sie jemals zur alleingültigen werden, sondern je mehr das ästhetische Bedürfnis zunimmt, um so mehr will sich auch das Notwendige und Nüßliche in wohlgefällige Formen kleiden. So wird auch in Zu-