Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 89)
- Language
- German
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wie auf die eigentümliche Wirkungssphäre der einzelnen sittlichen Persönlichkeit annimmt. Erst diese lefete Stufe ist die der bewußten Sittlichkeit. Hier sind dem Gewissen die Imperative des Zwanges gleichgültig geworden, ja in entscheidenden Momenten wagt es die sittliche Persönlichkeit, sich über sie hinweg zu seßen, weil sie erkennt, daß es Wendepunkte der sittlichen Ent- Wicklung gibt, wo das bis dahin für gut Gehaltene zum Unrecht und zur Unsittlichkeit wird. Einen solchen Charakter bezeichnen wir als edlen Charakter. Er bildet den wahren Geistesadel. Ueber den Edlen aber leuchtet wieder der ideale C h a rakter, das sittlicheGenie, das unendlich viel seltener als andere Arten genialer Begabung der Geist der Geschichte vielleicht in Jahrhunderten hervorbringt. In entscheidenden Zeiten, wo über den Umkreis des einzelnen Volkes hinaus durch gewaltige Jimgestaliung in den allgemeinen Lebensbedingungen der Mensdiheit eine große sittliche Krisis die Umgestaltung der sittlichen Lebensanschauung fordert, da kann nur die Wirksamkeit eines idealen Charakters, eines ethischen Genius, der befähigt ist, bisher schlummernde Triebe zum Leben zu erwecken, den geschichtlichen Prozeß vollenden. Das Wunder dieses ethischen Genius ist aber kein anderes, als wie es in jeder geistigen Entwicklung zu spüren ist. Ueberall wird der Einzelne getragen von dem Gesamtgeiste, an dem er mit seinem Vorstellen, Fühlen und Wollen teilnimmt. In den führenden Geistern aber verdichtet sich der gesamte Prozeß der zurückgelegten Entwicklung, um Wirkungen zu erzeugen, die dem Geist der Menschheit neue Bahnen weisen. (Ethik III S. 72.) Unter den vier Imperativen des Gewissens enthält nur der 1 e ß t e eine wirkliche Erkenntnis der Beweggründe und Ziele des sittlichen Lebens. Aber immer bleiben die sittlichen Imperative die an die Gefühls- und Vorstellungsinhalte der Motive gebundenen Affekte der Billigung und Mißbilligung. Welches sind nun jene sittlichen humanen Zwecke, in die alle sittlichen Bestrebungen einmünden? Sie können nicht das eigne individuelle Sein zum Inhalt haben, da dieses niemals bloß um seiner selbst willen als sittlicher Zweck erscheint, sondern nur als ein Mittel im Dienste solcher Zwecke sich darstellt, die außerhalb des eigenen Seins liegen. Ist aber das eigene Ich kein lefeter sittlicher Zweck, so ist nickt einzusehen, weshalb ein anderes Ich ein solcher sein sollte. Audi die Vervielfältigung der Einzel- Subjekte ändert nichts an dieser Sachlage. Der Utilitarismus ist daher nur ein erweiterter Egoismus. Er nimmt zum Zweck, was immer nur Mittel zum sittlichen Zweck sein kann. So bleiben nur