Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 88)
- Language
- German
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74 moralisch ist, sondern weil er zu positiven sittlichen Leistungen führt. Dem Charakter, der unter allen Umständen unter dem imperativen Motiv des inneren Zwangs handelt, legen wir das Prädikat der Anständigkeit bei. Der Zwang in seinen beiden Formen kann nur die äußeren Symptome der Sittlichkeit oder im günstigsten Falle eine dtirch Uebung gewonnenes Widerstreben gegen das Unsittliche hervorrufen. In entscheidenden Momenten wird eine Moralität, die bloß auf diesem Grunde ruht, immer Schiffbruch leiden. Die Widerstandskraft des Charakters, die in solchen Gefahren besieht, wird niemals durch die imperativen Motive des Zwanges allein erworben, sondern es bedarf dazu anderer Beweggründe, die nur in dem eigenen Bewußtsein ihre Quelle haben, der Imperative der Freiheit. Hierher gehört in erster Linie das Motiv der dauernden B e - f r i e d i g u n g. Die Tatsache, daß gewisse Handlungen dauerndere Befriedigung erwecken als andere, wird hier zum Imperativ der Bevorzugung, ohne daß nach dem Warum dieses Unterschiedes gefragt würde. Die selbstlosen Handlungen erfüllen nun diese Bedingung dauernder Befriedigung und werden darum zu Imperativen der Freiheit, die sich jeßt mit den Imperativen des Zwanges verbinden und sich gegenseitig verstärken können. Dem Charakter, der diese freien Imperative zur Ausbildung gebracht hat, wo das Gute geschieht, ohne daß nach dessen Gründen gefragt wird, schreiben wir Rechtschaffenheit zu. Da er sich aber von dem leßten Zweck seines Tuns keine Rechenschaft ablegt, so bringt ihn der Konflikt der Pflichten leicht in.pn$chwanken, und läßt ihn zufälligen Antrieben folgen, wobei das minder Wertvolle den Vorzug gewinnen kann. Hier findet nun der Prozeß des Gewissens seinen Abschluß in dem leßten der imperativen Motive, in der Vorstellung des persönlichen Lebensideals. Bei dieser wird ein höchster Lebenszweck zur Richtschnur aller einzelnen Handlungen. Dieser Lebenszweck aber wird zum individuellen Motiv, in dem ein Einzelbewußtsein die allgemeinen Zwecke der sittlichen Eniwicklung in ihren durch Ort und Zeit bestimmten Bedingungen erfaßt, um in diesen Zwecken das eigene persönliche Lebensideal zu erblicken. . ■ * Das individuelle, allen Einzelbestimmungen die Richtung gebende Lebensideal kann daher immer nur die besondere Gestaltung sein, die das allgemeine Menschheitsideal, bezogen auf bestimmte Schranken der Zeit und der äußeren Lebensverhälinisse, r